Dienstag, 18. August 2009

Transformers 2 (2009)




Mit „Armageddon“ und „The Rock“ hat Michael Bay bewiesen, das sein „Stil“ (Hochglanz-Werbebilder mit einem kräftigen Schuss Pathos) durchaus sinnvolle Anwendung finden und zugleich Spaß bereiten kann. Speziell ersterer glänzt mit einem bunt durchmischten, bis in die kleinste Nebenrolle prominent besetzten, Ensemble und der nötigen Selbstironie. Die beschränkt sich in „Transformers II“ lediglich auf ein deutlich sichtbares „Bad Boys“-Plakat – ähnlich wie der Humor auf platteste Zoten reduziert ist. Da sieht man zwei kleine Hunde beim Vögeln und soll das nun witzig finden. Auch die bemühten, niemals charmanten Sprüche der Roboter, offenbaren deutlich das angepeilte Niveau – diese Konzentration auf den allerletzten gemeinsamen Nenner scheint aber durchaus anzukommen, urteilt man nach dem Gejohle im voll besetzten Kinosaal.

Zumindest möchte man aber meinen, das „Transformers II“ im Kino gesehen werden will, mit Schauwerten beeindruckt, die für aufdringliche Propaganda und das Weglassen einer schlüssigen Dramaturgie entschädigen. Und wie erwartet, feuert Bay aus allen Löchern, reiht eine martialische Zerstörungsorgie an die nächste, lässt einmal mehr die verblüffenden Computer-Tricks die Hauptrolle übernehmen. Im Vergleich zum Vorgänger, der rein visuell neue Maßstäbe gesetzt und die Möglichkeiten des Mediums neu abgesteckt hatte, haben diese aber keine entscheidende Evolution durchlaufen, was nur zwei Jahre später auch keine Überraschung ist. So knüpft der zweite nahtlos an den ersten Teil an, geht aber noch verschwenderischer mit tosender Action um.

Bereits nach einer Stunde geht das ermüdende Dauergefecht aber schwer auf die Nerven, vor allem, weil Michael Bay auch den letzten Rest Interesse für Spannungsaufbau oder Storytelling über Bord geworfen hat.

Ähnlich wie in der inszenatorischen Katastrophe „Bad Boys 2“ findet der Film keine Linie, keine Mitte, keine Höhepunkte und – am schlimmsten von allem – kein Ende. Noch bevor der eigentliche Konflikt überhaupt richtig eingeleitet ist, hat man sich bereits satt gesehen an transformierenden Robotern und anhaltenden Explosionen. Wenn man nach der schwachsinnigen Pre-Title-Sequence noch nicht den Saal verlassen hat...

Eigentlicher Held sind – wie schon im ersten Teil – nicht etwa die Roboter sondern vielmehr das US-Militär, dessen Technologie ebenso glanzvoll ins Bild gerückt wird wie der glänzende Stahl der titelgebenden Spielzeuge. Nicht selten wirken die gesamten Handlungen wie um das Army-Equipment herum konstruiert – auch der selbstverständliche Eintritt in die Dienste der Vereinigten Staaten könnte aufdringlicher kaum formuliert werden, vor allem, wenn auch noch erwähnt wird, wie schlecht und primitiv der Mensch doch sei.

Neben „Pearl Harbor“ und „Bad Boys II“ also der dritte Totalausfall des viel gescholtenen Michael Bay. Ein weiterer Beweis für den kulturellen Verfall des jugendlichen Zielpublikums, die offensichtlich jeden noch so verkorksten Müll abfeiern, so lange es ordentlich kracht bzw. ein paar heiße Chicks mitspielen. Ein Armutszeugnis, die entsetzlichen Defizite immer wieder mit den gleichen Argumenten weg waschen zu wollen: Es handelt sich schließlich nur um Popcorn-Kino oder reine Unterhaltung, über die nicht nachgedacht werden soll und darf.

Auf der anderen Seite rümpfen Cineasten wahrscheinlich schon vorher verächtlich die Nase, was einem Dialog zwischen „anspruchsvollem“ und „anspruchslosem“ Kino sicher nicht förderlich ist. Der Film ist natürlich trotzdem ein einziges Brechmittel...

01/10


Der Text ist direkt nach dem Kinobesuch entstanden und daher schon etwas älter. Hatte mir eigentlich noch eine Erweiterung vorgenommen, habe da aber ehrlich gesagt keine Lust mehr drauf. Der Film ist einfach zu schlecht um sich noch weiter damit zu beschäftigen - außerdem gibt es ja bereits unzählige Reviews, in denen alles gesagt wird. Trotzdem wollte ich den Text nicht löschen, damit hat mir der Kinobesuch wenigstens einen Blog-Eintrag gebracht...

Aber was macht die Filme von Michael Bay so anziehend und erfolgreich? Hier der Versuch einer Analyse dieser Problematik: ;)

Pariah - Social Outcasts (1997)

Noch vor der Blaxploitation-Reihe ein paar Worte zum relativ unbekannten Film "Pariah" aka "Social Outcasts", der nun mit über zehn Jahren Verspätung in Deutschland auf DVD erschienen ist. Den Film möchte ich nachdrücklich empfehlen, von der deutschen Erstveröffentlichung aber dringend abraten. Die Synchronisation habe ich gar nicht nicht erst begutachtet da anscheinend über 15 Minuten fehlen. Derartig verstümmelt macht die Veröffentlichung natürlich keinen Sinn...



Nachrichten aus der ideologischen Endzeit

Viele Filme haben sich daran versucht, einen Blick in die verblendete Weltanschauung eines Neonazis zu werfen oder aber die Mechanismen einschlägiger Organisationen zu untersuchen. Ironischerweise wurden fast alle diese Werke (als deren bekannteste Vertreter wohl „Romper Stomper“ und „American History X“ gelten dürfen und deshalb hier als exemplarische Beispiele heran gezogen werden) zu Kultfilmen in der rechtsradikalen Szene, deren Anhänger es immer wieder fertig bringen, jede noch so eindeutige Aussage ins Gegenteil und damit massiv falsch zu interpretieren. So ist die von Edward Norton gespielte Hauptfigur in „American History X“, Derek Vinyard, eine Ikone für viele Neo-Nazis, wenn auch eine fiktive. In erster Linie mag diese beständige Fehlinterpretation ihren Ursprung in der Tatsache finden, das die genannten Filme eine nüchterne Herangehensweise an die rassistische Ideologie wagen und dabei auch der Verführung und Faszination für anfällige Menschen Aufmerksamkeit schenken.

Dementsprechend bedienen sich beide Filme einer schillernden Hauptfigur – sowohl Derek Vinyard als auch Hando aus „Romper Stomper“ (gespielt von einem noch jungen und relativ unbekannten Russell Crowe) sind alles andere als tumbe Schläger. Beide sind gebildet, redegewandt und charismatische Führungspersönlichkeiten. Gleichwohl diese ambivalente Charakterzeichnung von Nöten ist, birgt sie eben auch die Gefahr der Anziehungskraft, der ein Zuschauer mit geringem Reflektionsvermögen nur allzu leicht erliegen kann. Das alles hat aber nur wenig mit „Pariah“ gemein, soll aber veranschaulichen, wie signifikant die Unterschiede in der Figuren- und Handlungskonstruktion sind. Randolph Kret verfolgt andere Ziele und begegnet dem Phänomen Rechtsradikalismus auf vollkommen andere Weise.



Zunächst einmal fehlt die angesprochene Hauptfigur, die den Verlockungen der Ideologie ein Gesicht gibt und diese mit geschickter Rhetorik vorträgt. Auch die Frage nach dem Ursachen interessiert Kret, der mit „Pariah“ seinen einzigen Film inszenierte, nicht einmal am Rande. Mitleidlos zeigt der Film seine Figuren als ausgestoßene Verlierer ohne Zukunft, die sich in einer endlosen Spirale aus Gewalt und Gegengewalt befinden. Daraus resultiert eine absolute Unmöglichkeit, das Gezeigte in irgendeiner Weise zu glorifizieren. Äußerlich wird daher fast auf jede Ästhetisierung verzichtet, der Look ist trist, trostlos und an wenig einladenden Originalschauplätzen sehr naturalistisch gefilmt – eine emotionale Distanzierung wird so unmöglich gemacht. Vordergründig geht es dabei um eine plakative Rachegeschichte.


Plot:Steve (Damon Jones) und seine afroamerikanische Freundin Sam (Elexa Williams) werden fortwährend belästigt und mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert, sowohl auf Seiten der weißen als auch der schwarzen Leute. Nach einem gemeinsamen Abend wird das Paar in einer Tiefgarage von einer Gruppe brutaler Nazi-Skinheads überfallen. Sam wird mehrfach vergewaltigt während Steve zusehen muss – noch in der gleichen Nacht nimmt sich die traumatisierte und gedemütigte Frau in der Badewanne das Leben. Für Steve bricht eine Welt zusammen.

Sieben Monate später hat sich der verbitterte Steve einem Racheplan zugewendet und sich äußerlich in einen radikalen Nazi-Skin verwandelt, inklusive Glatze, szenetypischer Kleidung und einschlägiger Tätowierungen. So will sich Steve in die Gruppe integrieren, die den Tod seiner Freundin auf dem Gewissen hat und von innen heraus brutale Rache nehmen. Doch die Aufnahme in die Clique verläuft alles andere als reibungslos...

Was sich abgedroschen und plump anhört, entwickelt seinen Reiz gerade aus dem Verzicht, sich an analytisch komplexen Diskursen zu versuchen. So ist nur in den seltensten Fällen überhaupt die Rede von nationalsozialistischen Ideen – nur am Rande wird von „Reinheit der Rasse“ gefaselt, die Ideologie funktioniert ausschließlich als Katalysator für unbestimmten Hass. Die Wut auf Schwule, Afroamerikaner und Juden ist hier wenig bis gar nicht in einem gedanklichen Konzept verwurzelt. Um die Perspektivlosigkeit zu verdeutlichen beschwört „Pariah“ eine endzeitliche Atmosphäre herauf – nur schwer vorstellbar, das sich die Figuren dem urbanen Niemandsland entziehen können, in dem sie ihr leidenschaftsloses Dasein fristen.



Ständig kommt es zu Gewalt-Eskalationen zwischen den Nazi-Skins und einer verfeindeten Gang von jungen schwarzen Verlierern. Keiner scheint einer geregelten Arbeit nachzugehen, soziale Kontakte finden ausschließlich unter „den eigenen Leuten“ ab. Angst vor dem Gefängnis scheint niemand zu haben, hemmungslose Gewalt ist das einzige Mittel, mit dem der Krieg hier geführt wird. Als Sam vergewaltigt wird, ist es für Steve nicht einmal eine Möglichkeit, zur Polizei zu gehen – ebenso wenig für die Homosexuellen, die am Ende einen Überfall auf einen der ihrigen mit der gleichen archaischen Gewalt vergelten. Die Polizei scheint nur am Rande zu existieren, findet in der hier geschilderten Parallelwelt keinen Platz – auch diese Zuspitzung erinnert eher an „Mad Max“ als an eine Milieustudie.

Trotz der reduzierten visuellen Machart erlaubt sich Randolph Kret einige ausdrucksstarke Sinnbilder, die ebenfalls auf den eingeschränkten Blick auf die Welt hinweisen, den die Figuren mit ihrem schwarz/weiß-Denken geschaffen haben. So befinden sich am Fenster des Aufenthaltsraumes, in dem die Skins die meiste Zeit abhängen, Gitterstäbe, die sich als Schatten auch durch das gesamte Zimmer ziehen und sich direkt auf den Gesichtern und Körpern niederlassen. Deutlicher könnte Kret kaum sein: Die Skins befinden sich bereits in einem Gefängnis – ein Gefängnis, das ihnen jede Chance für die Zukunft raubt, soziale Isolation bedeutet und in dem grundsätzlich nur weiterer Hass anwachsen kann.

Einen Blick über den Tellerrand dieser Einbahnstraße wird nur am Rande erwähnt, bis auf Steve und Sam als glückliches Paar am Anfang und Sams bürgerliche Schwester (die mit der Handlung aber kaum zu tun hat) werden keine „normalen“ Leute gezeigt sondern ausnahmslos subkulturelle Zusammenschlüsse verschiedener Minderheiten. Neben den schwarzen Gangs und den Nazi-Skins sind dies eigentlich nur die Homosexuellen, von denen aber genauso wenig einzelne Charaktere beleuchtet werden wie auf Seiten der Afroamerikaner.



Da aber kein eigentliches Gedankengut besteht, das die Skinheads vereint existiert in deren Welt nur eine diffuse Idee davon, wen man zu hassen hat und wen eben nicht. Das Motiv der Ausgeschlossenheit aus der Gesellschaft wird ins Zentrum des Interesses gerückt, was schon der Titel verdeutlicht. Der Begriff „Pariah“ wird im indischen Kastensystem für die Außenseiter verwendet – nicht etwa die niederste Kaste, sondern Menschen, die sich außerhalb des Systems befinden, als „unberührbar“ gelten und wie der letzte Abschaum behandelt werden. In dieser Hinsicht macht der Film keine eindeutigen Aussagen und verurteilt jene Versager auch nicht, die er dem Zuschauer zeigt. Ob die geistig verwahrlosten Männer und Frauen Opfer äußerer Bedingungen waren oder ihren sozialen Abstieg selber verschuldet haben, wird nicht klar und ist auch nicht wichtig. „Pariah“ fragt nicht danach, wie die Menschen wurden wie sie sind und bietet auch keine Lösungsansätze an.

Die authentisch geschriebenen Dialoge gleichen der Vulgärsprache in „Menace II Society“, der einen ähnlichen urbanen Alptraum beschreibt. Auffällig ist der inflationäre Gebrauch von Schimpfwörtern, welche die kurz angebundenen Sätze regelrecht zusammenhalten. In jedem Wort und jeder begleitenden Geste schwingt Provokation, Aggression und Geltungsbedürfnis mit, ein konstruktives Gespräch wird im ganzen Film nicht geführt – auch nicht von Hauptfigur Steve, für die es nur Rache als Ausweg geben kann. Das diese Rache nicht zu einer Katharsis führt, keine versöhnliche „Gerechtigkeit“ herbei führt, unterstreicht nur den erbarmungslosen Charakter dieses düsteren und unbequemen Films.

09/10

Hier der ziemlich irreführende weil reißerische Trailer, der überhaupt nicht zum Grundton des Films passt:

Montag, 17. August 2009

TV Tipps 17.08. - 23.08.09



Montag

Der zweite Atem (ARTE)
Gangsterfilm mit Lino Ventura vom großen Stilisten Jean-Pierre Melville. Kann eigentlich nur gut sein und da Arte erstmals die ungekürzte deutsche Fassung sendet (sagt die Fernsehzeitung) handelt es sich schon fast um ein Ereignis im tristen TV-Alltag...

Dinotopia 1 (Super RTL)
Teure TV-Mini-Serie, in der auch Terry Jones seine Finger im Spiel hatte. Trotz der beeindruckenden Landschaftsaufnahmen und aufwendigen Kulissen bleibt das Ganze aber eben nur Fernseh-Kost mit dröger Dramaturgie. Die skurrile Story um eine zivilisierte Ko-Existenz zwischen menschen und intelligenten Dinosauriern bietet Platz für Humor, Action und Spannung und ist ungeachtet aller Defizite zumindest im ersten teil unterhaltsam geraten. Die weiteren Folgen laufen Morgen und Übermorgen...

Dienstag

2 Missionare (Kabel)
Kein Evergreen mit Spencer und Hill, dennoch eine flott erzählte und herrlich einfach gestrickte Komödie. Geht eigentlich immer, ist aber auch kein „Zwei wie Pech und Schwefel“...

Pale Rider (Tele 5)
Mythisch überhöhter Abgesang auf das Western-Genre von Clint Eastwood, der an sein frühes Meisterwerk „Ein Fremder ohne Namen“ anknüpft. Auch wenn Eastwood hiermit erstmals die seriöse Kritik auf sich aufmerksam machte, wird der Film rückblickend sträflich vernachlässigt...

The Replacement Killers (Kabel)
Einfacher Actionfilm, der sich ganz dem Kino von John Woo verpflichtet fühlt, dieses bis ins Detail nachstellt und daraus auch keinen Hehl macht. Überraschend gelungen, aber eben nur gut geklaut...

Psycho (NDR)
Hitchcocks vielleicht effizientester und am ehesten auf den Punkt gebrachter Film, allerdings bei weitem nicht mein Liebling und wohl auch nicht der beste vom Meister...

Mittwoch

Werner – Volles Rooäää (Kabel)
Erster wirklich misslungener Werner-Film, der einfach nicht mehr ins Kino gehört. So charmant und milieugenau die Comics auch sein mögen, erzählerische Dichte will sich einfach nicht einstellen....

In & Out (BR)
Vor gefühlten tausend Jahren im Kino fand ich den sehr amüsant, seitdem nie wieder gesehen...

Muxmäuschenstill (HR)
Beißende Satire, die bitterböse mit deutschen „Tugenden“ abrechnet und das Ganze in einer unverstellten Homevideo-Optik präsentiert, der man sich schwer entziehen kann. Auch wenn das Ende ein wenig entgleist wirklich sehenswert...

Donnerstag

Das Geisterschloss (Sat.1)
Oberflächlicher Mainstream-Horror, dem jeder Sinn für Subtilität fehlt. Das Geisterhaus-Setting wird vollends verschenkt zugunsten aufdringlicher Effekte, die ihre Funktion nur selten erfüllen...

Johnny English (Vox)
Nervtötende Agenten-Parodie mit dem unerträglichen Rowan Atkinson, der seine infantilen Grimassen anscheinend urkomisch findet und mal wieder einen „Film“ drum herum kurbelt. Zum Kotzen schlecht...

Freitag

Scoop (ZDF)
Sehr mildes Spätwerk von Woody Allen, der auch als idealer Einstieg in dessen Gesamtwerk geeignet ist. Auch wenn die gedankliche Tiefe seiner bedeutenderen Filme nur gestreift wird, eine der besten Komödien des neuen Jahrtausends. Wunderbar geschlossen erzählt und vorzüglich gespielt...

Samstag

Mrs. Doubtfire (Vox)
Allmählich liegt schon fingerdicker Staub auf dieser erzkonservativen Pro-Familia—Komödie mit Robin Williams in Frauenkleidern. Fand ich als Kind klasse aber selbst da war mir schon die Moral am Ende zu sülzig aufgetragen...

Asterix in Amerika (Sat.1)
Nach „Asterix erobert Rom“ der erste Teil der Reihe, der nicht auf einer Comic-Vorlage basiert. Merkt man dann leider auch an mangelhaftem Timing, fehlendem Witz und an der lieblos konstruierten Story, die nichts weiter als ein müdes Abziehbild des Bandes „Die große Überfahrt“ ist. Kann man sich schenken, fand ich schon vor Urzeiten im Kino blöd...

Grasgeflüster (BR)
Vergnügliche Feel-Good-Komödie aus England, die nicht viel mit dem Label „Kifferfilm“ zu tun hat. Glücklicherweise, denn hier gibt es eine schöne Story mit ernsten Zwischentönen, starke Schauspieler und warmherzigen Witz...

Scary Movie 2 (Pro 7)
Noch beschissener als der erste Teil. Die Wayans-Brüder können einfach keine Filme drehen...

Frankenfish (Pro 7)
Warum dieser B-Schrott so abgefeiert wurde, kann ich mir nicht erklären. Schlechte CGI-Effekte, schleppende Handlung, wenig Action – wer auf diesen Direct-to-DVD-Kram abfährt kann aber einschalten...


Sonntag

Apocalypto (Pro 7)
In der ersten Hälfte gelingt Mel Gibson ein stark bebilderter Naturfilm, der sich leider einer allzu konventionellen Dramaturgie zuwendet und so einiges an Glaubwürdigkeit verliert...

Banana Joe (Das Vierte)
Solo-Auftritt von Bud Spencer. Relativ unspektakulär und gewohnt trivial, versteht es Regisseur Corbucci doch, aus der langweiligen Geschichte einen gewissen Schwung heraus zu kitzeln...

Tommy (3Sat)
Visuell bestechende Verfilmung der gleichnamigen Rock-Oper von The Who, denen mit dem Album einer der wichtigsten Beiträge zur Geschichte der Rockmusik gelang. Die Verfilmung ist jedenfalls ein Augen- und Ohrenschmaus sondergleichen mit vielen skurril besetzten Stars...

Being John Malkovich (Tele 5)
Die echte Postmoderne. Eins der besten Drehbücher der 90er-Jahre und immer wieder ein irres Filmerlebnis. Abgefahrenes Kino, das sich keineswegs an den eigenen cleveren Wendungen ergötzt sondern echte emotionale Tiefe besitzt...


Anmerkung: Nach langer Zeit habe ich mich endlich noch zu den TV-Tipps aufgerafft. Die Sendezeiten habe ich aus Faulheit weg gelassen - die kann man aber auch selbst nachsehen, Titel und Tag sind ja angegeben... ;)

Sonntag, 16. August 2009

Animierte Kurzfilme: Fantasmagorie (1908)

Als die gezeichneten Bilder laufen lernten. Ein klitzekleiner Meilenstein von Émile Cohl, der sich leider nur in sehr schlechter Qualität erhalten hat und als frühester vollständig animierter Film gilt, der die Zeit überstanden hat...

Samstag, 15. August 2009

West and Soda - Der Wildeste Westen (1965)



Plot: Der Cowboy Johnny hat sich eigentlich von der Waffengewalt verabschiedet, doch als es ihn in eine kleine Stadt mitten in der Prärie verschlägt, ist schon bald seine Hilfe als Revolvermann gefragt. Hier lernt Johnny die liebreizende Farmersfrau Miss Clementine kennen, die von Rancher Thugs und dessen Schergen tyrannisiert wird, da Thugs hinter dem Land der jungen Frau her ist. Schnell verliebt sich Clementine in den fremden Johnny, in dem sie einen Beschützer sieht – und auch wenn sich der Cowboy nicht auf eine feste Beziehung einlassen will, eilt er zur Rettung als sie von Thugs entführt wird...

Bruno Bozzetto machte schon mit seinen frühesten Kurzfilm-Arbeiten auf sich aufmerksam, fand Beachtung bei internationalen Festivals (darunter sogar das renommierte Festival in Cannes) und lernte Größen der Zeichentrick-Kunst wie Normen McLaren kennen, von dessen abstrakten Cartoons sich Bozzetto noch heute stark beeinflusst zeigt. Nachdem er Anfang der 60er-Jahre schließlich seine Kultfigur Herr Rossi kreierte, die ihn noch über viele Jahre begleiten sollte, stieg Bozzetto zum Star-Zeichner auf und war schon bald Aushängeschild des italienischen Animationsfilms.



1965 sollte sich für Bozzetto die Chance ergeben, den ersten Zeichentrick-Langfilm Italiens nach langen Jahren (und erst den dritten überhaupt) zu inszenieren und „West and Soda“ wurde ein zufrieden stellender Erfolg an den Kinokassen – neben internationaler Vermarktung entwickelte sich die Western-Parodie schnell zum Hit im italienischen Fernsehen.

Eine sehr kurze Pre-Title-Sequence zeigt Eindrücke der kargen Prärie, deren Landschaftsbild nur von Felsen und endlosem Sand geprägt scheint. Eine Kutsche reist durch diese lebensfeindliche Umgebung und wird von einer Gruppe Indianer angegriffen. Im schmucklosen Vorspann erklingt dann bereits ein epischer Score, der sich unbefangen auf Morricone beruft und dessen Klangwelten gekonnt imitiert.



Auch wenn keine expliziten erotischen oder gewalttätigen Details zu sehen sind, eignet sich der Film kaum für ein junges Publikum mit noch ungeschultem Auge. Viel zu sehr setzt der Humor auf einen gewissen Kenntnisreichtum beim Zuschauer, was Stereotypen des Genres betrifft – Bozzetto schafft dabei nicht den Spagat (wenn er ihn überhaupt angestrebt hat, zahlreiche leicht verständliche Slapstick-Gags sprechen dafür), den Morris mit seinem Lucky Luke so formvollendet gemeistert hatte, nämlich sowohl ein erwachsenes als auch ein kindliches Publikum auf unterschiedlichen Ebenen zu unterhalten. Das allerdings auch nur auf dem Papier, ein Kinofilm setzt selbstverständlich ganz andere Mittel voraus als ein Cartoon oder ein Comic-Heft.

In überwiegend rotbraunen und schmutzig-gelben Farben parodiert „West and Soda“ den Italo-Western, als er gerade den Kinderschuhen entwachsen war und als Strömung ihre großen Höhepunkte noch vor sich hatte. Damit nimmt der humoristische Ton eine Vorreiterstellung ein hinsichtlich der späteren, eher komischen Genrevertreter, deren Erfolg maßgeblich von Bud Spencer und Terence Hill initiiert wurde. Prinzipiell zieht der Film eher die Stereotypen des Western-Genres im Allgemeinen durch den Kakao und macht sich die derzeit wachsende Begeisterung der italienischen Filmindustrie für das Genre zu nutze.



Bozzettos Hang zu minimalistischer Hintergrundgestaltung und eher hässlichen Figuren, jenseits aller Schönheits-Ideale, passt vorzüglich zum gewählten Setting – verblüffend atmosphärisch geraten die Impressionen von endloser Weite, die zwielichtige Stimmung im Dorf und auch das finale Duell. Ungeachtet der streckenweise armseligen Animationen ist Bozzettos Werk als Meilenstein im europäischen Zeichentrickfilm zu werten – vor allem, weil Bozzetto sich seiner begrenzten Möglichkeiten bewusst ist und damit das Abstrakte, das grafische in seinen Animationen auch bewusst heraus stellt.

Damit und mit seinem kruden Humorverständnis hebt sich „West and Soda“ weit ab vom Gros der zeitgenössischen Produktionen, auch wenn er technisch jederzeit unterdurchschnittlich bleibt. Bozzetto inszeniert hier einen kompromisslos individuellen Film, der in jeder Szene als Werk seines Machers erkennbar bleibt – ohne jede Anbiederung an den großen Disney-Konzern. Keine Spur von Sentimentalität, garstiger Witz steht auf dem Programm, der auch über den versierten Einsatz der Soundeffekte entwickelt wird.

Jenseits der historischen Bedeutung (die kaum angemessen gewürdigt wird) offenbaren sich aber auch Schwächen inhaltlicher Natur: die meist treffsicheren Seitenhiebe gegen Genre-Klischees und die Bloßlegung der Gewalt-Stilisierung bleiben die einzigen Aspekte, denen sich Bozzetto zu nähern scheint und lässt den gesamten Film als skizzenhafte Karikatur auf den Zuschauer los. Wirkliche Anteilnahme am eigentlichen Geschehen kommt nie auf, dafür ist die Rahmenhandlung zu konventionell und traditionellen Strickmustern verpflichtet. Ein wirklich runder Film ist „West and Soda“ also keineswegs geworden, eine Reihe kurzer Cartoons im Western-Setting hätten womöglich besser funktioniert. Dennoch ist Bozzetto einen waghalsigen und wichtigen Schritt gegangen und aus heutiger Sicht bleibt sein erster Langfilm in erster Linie ein Faszinosum für Freunde des Zeichentrick-Kinos.

5,5/10

Hier die finale Sequenz mit dem obligatorischen Duell. Kann nur begrenzt als Spoiler betrachtet werden weil das Ende vorhersehbar ist und die Kenntnis keineswegs den Film versaut:

Donnerstag, 6. August 2009

Review-Reihe: Blaxploitation

Nach meiner Animationsfilmreihe (schließe ich morgen oder übermorgen mit WEST AND SODA ab) mal was ganz anderes: Drei schmissige Blaxploitation-Streifen und mal nicht die allseits bekannten wie SHAFT, SUPERFLY oder FOXY BROWN...

Don't Play Us Cheap (1973)


Ein Musical vom Begründer der Blaxploitation-Strömung, Melvin van Peebles. Der hatte noch Ambitionen und vor allem was zu sagen, gehört nicht in die Trash-Schublade...

Three the Hard Way (1974)


Die hinreißend größenwahnsinnige Storyline spricht für sich, treibt alle Blaxploitation-Klischees auf die Spitze, wartet mit einem All-Star-Cast auf und sich nimmt sich scheinbar auch noch selbst ernst...

Dolemite (1975)

Das Schauspiel-Debüt des Komikers und Musikers Rudy Ray Moore, der die in den Blaxploitern gepflegten Klischees schon auf der Bühne dankbar als Stand-Up-Programm verarbeitet hatte und seine Kunstfigur "Dolemite", einen Kung-Fu kämpfenden Pimp, erfolgreich ins Kino bringt...

Mister Feuerstein lebt gefährlich (1966)



Plot: Der Geheimagent Rock Slag wird von Gangstern verfolgt und durch einen Sturz aus großer Höhe vermeintlich ausgeschaltet. Als hart gesottener Profi ist er aber nur verletzt und wird ins Krankenhaus von Bedrock eingeliefert. Zur gleichen Zeit bereiten sich Fred Feuerstein, sein bester Freund Barney und ihre Frauen auf den anstehenden, gemeinsamen Urlaub vor – als Fred und Barney die Tiere zum Gewahrsam beim Tierarzt gebracht haben, nimmt Fred eine gefährliche Abkürzung und baut prompt einen Autounfall – er wird zur gleichen Zeit ins heimische Krankenhaus gebracht wie Rock Slag, dem Fred zu allem Überfluss ähnelt wie einem Zwillingsbruder. Hier wird der Chef von Rock Slag auf diese Ähnlichkeit aufmerksam und unterbreitet Fred das Angebot, den verletzten Rock im Kampf gegen den Super-Verbrecher „Die Grüne Gans“ zu ersetzen.

Begeistert von der Idee, ein aufregendes Leben als Agent zu führen und im Auftrag der Regiseung Verbrecher zu stellen, nimmt Fred an, zumal sämtliche Spesen bezahlt werden. Die Reise führt ihn nach Paris und Rom – der geplante Camping-Trip mit Freunden und Familie wird nun ersetzt durch diese große Reise. Allerdings hat Fred geschworen, seine Mission streng geheim zu halten und ist daher hin und her gerissen zwischen Urlaub und verdeckter Verbrecherjagd...




„The Man Called Flintstone“ ist ein Kinofilm um die Familie Feuerstein, nach Einstellung der Serie so etwas wie ein Abschiedsgeschenk für die Zuschauer, aber auch für die Figuren, die schon zu diesem Zeitpunkt fester Bestandteil amerikanischer Popkultur waren. William Barbera und Joseph Hanna inszenierten damit ihren zweiten Langfilm nach „Hey There, It's Yogi Bear“ und beweisen erneut, das Spielfilm-Dramaturgie überhaupt nicht ihre Domäne ist. Nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit bei MGM, in denen das Duo fast ausschließlich mit der eigenen Reihe um Tom und Jerry beschäftigt war, glückte ihnen mit dem Aussterben des Kino-Cartoons mühelos der Übergang in das neue Medium Fernsehen. Rasch gelangen Erfolge wie „Yogi Bär“, „Die Jetsons“, „Scooby-Doo“ und viele weitere Kult-Serien, in denen das Kreativ-Duo seine größte Stärke ausspielen konnte: die Charakterentwicklung einprägsamer und sympathischer Figuren mit hohem Identifikationsfaktor. Über allen Arbeiten, die Hanna und Barbera nach ihren MGM-Jahren für das Fernsehen entwickelten, nimmt bis heute die Familie Feuerstein einen herausragenden ersten Platz ein. Bis Matt Groening Jahrzehnte später mit den anarchischen Simpsons alle Rekorde brechen sollte, waren die „Flintstones“ lange Jahre die erfolgreichste Zeichentrickserie überhaupt. Mit einem Kinofilm nach fünf überaus erfolgreichen Staffeln einen würdigen Abschluss zu präsentieren, misslingt gründlich, einfach weil das 20-minütige Format der Serie so gar nicht mit den Normen eines Langfilmes zu vereinbaren ist.

Nach einem gelungenen Vorspann, der ganz im James-Bond-Stil gehalten ist und sogar mit dem brillanten Titelsong eine elegante Analogie schafft zu eben jener Filmreihe, macht bereits die folgende Eingangssequenz klar, das man es nicht mit einer gewöhnlichen Storyline aus Bedrock zu tun hat. Fred Feuerstein hängt lässig zwei zwielichtige Gestalten in einer rasanten Autoverfolgungsjagd ab, in der bereits die aus den Bondfilmen bekannten technischen Gimmicks zum Einsatz kommen, hier in Form von integrierten Steinschleudern und extrem biegsamen Karosserien. Am Ende der Szene wird klar, das es sich um einen Doppelgänger handelt, der darüber hinaus als berüchtigter Geheimagent tätig ist – auch die anschließende Verwechslungsgeschichte inklusive der international agierenden Organisation, welche die gesamte Welt bedroht ist eine akkurate und in sich funktionelle Parodie auf James Bond. Über Referenzen und Zitate kommt der gesamte Film dann aber nicht hinaus, es fehlt Eigenständigkeit, das rechte Tempo und ein Spannungsbogen als Fundament der auf Dauer eher drögen Story.



Neben dem bereits erwähnten Titel-Thema, das auch instrumental während des Films erklingt, sind auch ganz und gar deplatzierte Gesangseinlagen eingebaut, die weder atmosphärischen noch dramaturgischen Sinn ergeben. Diese Szenen fühlen sich an wie Fremdkörper und wollen sich überhaupt nicht in die Konzeption des restlichen Films einfinden, funktionieren platt gesagt als Füllmaterial um die Laufzeit auf stramme 90 Minuten zu hieven. Spätestens wenn dann selbst die Babys Pebbles und Bam-Bam ein süßliches Liedchen anstimmen und durch eine verkitschte Traumlandschaft schweben wird klar, das nicht viel übrig ist vom mitunter derben Charme der Serie. Viele einzelne Episoden hatten inhaltlich eine bessere Grundlage, ein würdiger Abtritt sieht ganz anders aus – dementsprechend verhalten war der Erfolg an den Kinokassen, in den Folgejahren entwickelte sich der Film dennoch zum Evergreen im amerikanischen Fernsehen; also dort, wo der Film eigentlich von Anfang an hingehört hätte. Für einen Kinofilm ist der Plot einfach zu wässrig und unergiebig, ein 60-minütiges TV-Special mit der gleichen Geschichte hätte den gleichen Effekt erzielt.



Auch optisch macht der Film nicht viel her sondern setzt wie die Serie auf sehr reduzierte Animationen, einfach gehaltene Figuren und Hintergründe. Zudem fehlt es ein wenig an den so beliebten Anachronismen, aus der die Serie einen Großteil ihres Reizes bezogen hat – was nicht zuletzt daran liegt, das der Film stärker auf die jüngsten Zuschauer zugeschnitten ist. Die leicht chauvinistische und im Kern erzkonservative Aussage hat sich aber in den Film „gerettet“ - was aber schon aufgrund der gleichen Personenkonstellation und der daraus resultierenden Rollenverteilung unvermeidlich war. Die so fantasievoll wie detailreich erdachte Welt Bedrock kommt hier ein wenig zu kurz und macht Platz für eine groß angelegte Bondparodie. Alle Gags außerhalb dieses Kontextes werden vernachlässigt und in den Hintergrund gedrängt, was in Verbindung mit den nervtötenden Musikeinlagen auf Dauer einfach zu monoton ist. Letztere sind aber der eigentliche Grund, warum „The Man called Flintstone“ nicht funktionieren will – zu uninspiriert, einfallslos und kindisch sind die betreffenden Sequenzen geraten.

Fazit: Die Flintstones gehören nicht ins Kino. Jedenfalls nicht so. Kurioserweise zeigte erst die Realverfilmung mit John Goodman wie der Hase läuft...

04/10

Hier gibt es den gesamten Film in zehn Teilen zu sehen.

Filmtagebuch: Dirty Harry 5, Sleepless, Mall Cop, Onkel Toms Hütte


Das Todesspiel (1988)
Im fünften Teil um Dirty Harry ist selbiger auch in seinem fiktiven Universum zur Ikone, zur lebenden Legende geworden. Selbstverständlich angeekelt vom Rummel um seine Person ist aus Harry Calahan eine Persönlichkeit geworden, die durch ihren beruflichen Erfolg in Verbindung mit hinlänglich bekannter harter Vorgehensweise zum Helden stilisiert werden soll. Autogramme schreiben, Interviews geben und sogar um ein Fernsehspecial ihm zu Ehren gebeten werden – so sieht Harrys Alltag nun aus, neben der kompromisslosen Verbrecherjagd selbstverständlich. Im „Todesspiel“ ist die Hauptfigur mehr denn je ein Mann ohne Privatleben, der scheinbar nur für seinen Job existiert, beim bloßen Gedanken an schnöde Schreibtischarbeit erbost reagiert. Doch Calahan ist alt geworden, die Luft ist raus aus der Filmserie, die hier wieder nur einen dürftigen Plot verfolgt, der lediglich altbackene Handlungsmuster wieder aufwärmt, angereichert mit einer überdeutlich vorgetragenen Medienschelte. Schon die Entwicklung von der karrieregeilen Reporterin zur seriösen Berichterstatterin spricht Bände, auch der mitunter sarkastisch-selbstironische Blick auf die Filmindustrie kann durchaus auf Eastwoods eigene Karriere umgemünzt werden.(4,5/10)


Sleepless (2001)
Argentos Versuch einer Wiederbelebung des klassischen Giallos, dessen Entwicklung er maßgeblich beeinflusste, erweist sich als zwiespältiges Unterfangen. In seinen besten Momenten hoch atmosphärisch, lebt der Film in erster Linie vom treibenden, pumpenden Score von The Goblin, der für eine elektrisierende Stimmung sorgt und in Verbindung mit der dynamischen Kameraarbeit streckenweise enorme Spannungsentwicklung aus dem schlaffen Plot heraus kitzelt. Die Geschichte selbst rutscht aber des öfteren in unfreiwillige Komik herab, was in einer haarsträubenden Auflösung kulminiert, die perfekt zu den trashig umgesetzten Spezialeffekten passt. Verständlich, dass Max von Sydow hier eher zurückhaltend agiert und nicht selten einen äußerst gelangweilten Eindruck macht. Für Fans von Argento aber sicherlich einen Blick wert, vereint „Sleepless“ doch deutlich sowohl inhaltliche als auch ästhetische Motive des Regisseurs, der hier einmal mehr zwei seiner eklatanten Schwächen zeigt: Ein dürftiges, wenig ausgefeiltes Drehbuch und ein damit einher gehendes Desinteresse an den oberflächlich gezeichneten Figuren. Aufgrund dieser Defizite können auch die zahlreich eingeflochtenen Subtexte nicht glaubwürdig ausformuliert werden...(05/10)


Der Kaufhaus-Cop (2009)
Genau die erwartete, immer gleiche Standard-Komödie vom Fließband. Wie das Ganze ausgeht steht nach der Einführung der Hauptfiguren gleich fest und der Film gibt sich eifrig Mühe, jede Figur so eindimensional wie nur irgend möglich zu gestalten. Bei jeder Gelegenheit bestätigt das Drehbuch, das der glatte arrogante Mistkerl, der sich fortwährend über fette Mitmenschen lustig macht, wirklich ein Arschloch ist und das das scheue, natürlich bildhübsche Rehlein von weiblicher Hauptfigur besser mit dem kugelrunden aber sanftmütigen Paul bedient ist. Das dieser Paul von Kevin James gespielt wird, rettet dann vor einem Totalausfall – seine Präsenz wirkt einfach für sich. Nicht zuletzt aufgrund des voluminösen Körperumfangs, der den „King of Queens“-Star auszeichnet, gerät das Schlussdrittel immerhin zu einer leidlich amüsanten „Die Hard“-Parodie mit netter Luftschacht-Action. Die sülzige Moral trägt unverkennbar die Handschrift Adam Sandlers, der mit seiner eigenen Produktionsfirma 'Happy Madison' hinter dem Projekt steht...(2,5/10)


Onkel Toms Hütte (1965)
Werkgetreue, wenn auch wenig akkurat ausgestattete Adaption des gleichnamigen Romanklassikers. Ebenso wie die literarische Vorlage neigt der Film zu übertriebener Sentimentalität und rührseligen biblischen Gleichnissen. Dramaturgisch sinnvoll gestrafft, enthält der Plot sämtliche Eckpunkte der Geschichte und erzählt diese relativ ausladend, allerdings ohne aufwendige Bildkompositionen. Darstellerisch beeindruckt vor allem Herbert Lom als machtgieriger Großgrundbesitzer, dessen Figur die am reizvollsten gestaltete ist. Der von unerfüllter sexueller Bestätigung zerfressene Charakter ist vielschichtig angelegt und lädt ein zu einem psychosexuellen Diskurs über die Machtverhältnisse, die rein kapitalistischen Gegebenheiten zugrunde liegen. Andererseits enttäuscht der Film durch ästhetische Unzulänglichkeiten wie einfallslose Kostüme und uninspirierte Kameraarbeit... (05/10)

Montag, 3. August 2009

VIP - Mein Bruder der Supermann (1969)



Plot: Die VIPs gehören einem Superhelden-Geschlecht an, das seit Anbeginn der Zeit die schwächeren Lebewesen der Erde beschützt. Bisher heirateten die Supermenschen nur untereinander, doch durch eine Verwechslung verliebte sich Schnurrbart-VIP in eine gewöhnliche Kassiererin. Aus dieser ersten gemischt-rassigen Ehe zwischen Menschen und VIPs gingen zwei Söhne hervor, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: während Super-VIP mit gigantischer Körperkraft, Unverwundbarkeit sowie der Fähigkeit zu fliegen ausgestattet ist, hat der kleine Mini-VIP keine besonderen Talente. Neben seinem Bruder Super-VIP, Frauenschwarm und gefeierter Kämpfer gegen das Verbrechen, bleibt keine Beachtung übrig für Mini-VIP, der unter seinen mangelnden Fähigkeiten zunehmend leidet.

Nach einem Besuch beim Psychologen beschließt Mini-VIP eine Reise anzutreten um sich vom Stress zu erholen und seine Minderwertigkeitskomplexe abzubauen. Doch auf der Schiffsreise kommt es anders als gedacht: Gemeinsam mit einer als Löwe verkleideten Frau gerät Mini-VIP über Bord und strandet auf einer seltsamen Insel. Hier regiert die diktatorische Happy Betty, Besitzerin einer riesigen, weltweiten Supermarktkette – diese schmiedet gerade unheilvolle Pläne. Mit einem verrückten Wissenschaftler, militärischer Unterstützung, unzähligen Arbeitersklaven und der finanziellen Hilfe dubioser Geschäftsmänner plant Happy Betty eine gewaltige Massen-Gehirnwäsche zur ultimativen Profitsteigerung...




Nur wenige Jahre nach seinem ersten Langfilm „West and Soda“ (der zum kleinen Überraschungserfolg avancierte und auch internationale Beachtung fand) gelang Bruno Bozzetto mit „VIP“ ein dramaturgisch noch geschlosseneres und damit erzählerisch dichteres Werk als seine bereits überaus gelungene Italo-Western-Parodie. Bozzetto, der für seinen minimalistischen grafischen Stil bekannt und in Italien ein absoluter Star-Zeichner ist, wird nicht zuletzt geschätzt für einen unverwechselbar galligen satirischen Humor, nicht selten garniert mit bissiger Gesellschaftskritik und scharfen Spitzen gegen Politik, Medien und allgemeine menschliche Schwächen. Das der Regisseur, Drehbuchautor und Zeichner bei all dem Spott kein verbitterter Zyniker ist, zeigen seine liebevoll gezeichneten Helden, meist Außenseiter und Träumer die es nicht leicht im Leben haben – wie seine berühmteste Figur Herr Rossi oder eben auch sein Protagonist in „VIP“, das gedrungene Männlein Mini-VIP, der schwächste Mann der Welt.

Schon die Physiognomie zeugt von vorhandenem Selbstbewusstsein: Mit verschüchtertem Blick fühlt sich der gedrungene, unförmige kleine Mann unwohl in einer feindlichen Welt, während ihm in Form seines Bruders ein männliches Idealbild an die Seite gestellt wird. Super-VIP ist eine leicht erkenntliche Parodie auf Superman und alle Helden ähnlichen Strickmusters, bekommt aber durch die ihm inne wohnende Arroganz und an Dümmlichkeit grenzende Naivität eine ganz eigene satirische Note, die es nicht bei einer bloßen Verballhornung belässt. Vielmehr deckt Bozzetto anhand des selbstherrlichen aber dennoch gutherzigen Super-VIP das Problem jener strahlender Helden ohne Angriffspunkte auf: Jede Identifikation geht verloren und der immer überlegene Held wird einfach langweilig. Dementsprechend schenkt der Film seine Aufmerksamkeit eher dem benachteiligten Mini-VIP – Bozzetto bleibt den Outsidern treu.



Obgleich „VIP“ auch für Kinder bedingt geeignet ist, scheint Bozzetto keinesfalls daran interessiert zu sein, einen sauberen Familienfilm abzuliefern. Dafür spricht schon die schmutzig anmutende Ästhetik bar jeglicher Verniedlichung, die sich mit erdigen, matten Farben und skurriler Figurenzeichnung weitab von bekannten Disney-Standards bewegt und aufgrund des kleineren Budgets auch technisch nicht in dieser Liga spielen kann. Bozzetto schert sich aber einen Dreck um eine Annäherung an eventuelle amerikanische Vorbilder und zelebriert gerade seine so typischen, völlig simplifizierten Hintergründe, die dennoch ihren Effekt nicht verfehlen. Mitunter sind die Bewegungsabläufe etwas steif geraten, was aber durch Bozzettos ungezügelte Liebe zum schrägen Detail ausgeglichen wird. In zurückhaltendem Maß bedient er sich in „VIP“ auch anzüglicher und sogar leicht gewalttätiger Anspielungen (z.B. wird der Kampf zwischen einem kraftmeiernden Oberst und Mini-VIP nicht gerade zimperlich ausgetragen) und disqualifiziert sich somit als „pädagogisch wertvoll“ - was natürlich als zusätzlicher Sympathie-Punkt zu werten ist.



Auch wenn Bozzetto oberflächlich wieder eine Genre-Parodie inszeniert, ist er hier doch weniger daran interessiert Filmklischees und ikonische Bilder zu demontieren – vielleicht auch, weil der Superhelden-Stoff eher Sache der Amerikaner ist und es sich keineswegs um eine so genuine Thematik handelt wie es noch beim Italo-Western der Fall war. Die meisten offensichtlichen filmischen Referenzen entstammen dabei nicht, wie es Titel und Geschichte vielleicht vermuten lassen, aus klassischem Superhelden-Pulp sondern eher aus der Edel-Trivialreihe „James Bond“ - irgendwo ja auch ein Superheld. Nach einem eher handelsüblichen Beginn kommt die Handlung schon nach knapp 20 Minuten auf die oben erwähnte Insel, wo der gesamte restliche Film spielt. Hier verlässt Bozzetto endgültig die schnöde Superhelden-Parodie (zu der ihm nichtsdestotrotz einige köstliche Scherze einfallen) und unterfüttert seinen zweiten Langfilm mit schriller Konsumkritik, die mit bizarren Allegorien und einigen verstörend psychedelischen Einlagen die jüngsten Zuschauer komplett aus den Augen verliert. Nicht zuletzt diese unangepasste, grobschlächtige Art verleiht „VIP“ aber einen kaum zu leugnenden Charme. Fast jeder andere Regisseur hätte aus der Grundkonstellation und den sich zum Ende zuspitzenden Ereignissen (Super-VIP und die Frauen werden gefangen genommen) eine vorhersehbare Motivations-Story erzählt, in der ein Feigling über sich hinaus wächst und die halbe Welt rettet – Bozzetto pfeift glücklicherweise auch auf solch genormte Wendungen und verrät seine Charaktere nicht, in dem er sie zugunsten einer billigen Moral auflaufen bzw. zu Marionetten verkommen lässt.



Bestechend auch die Fülle intelligenter popkultureller und geschichtlicher Verweise, die bereits beim Charakterdesign beginnen: Der linkische Hornbrillenträger Mini-VIP ist eine eindeutig zu identifizierende Karikatur des Kultfilmers Woody Alle, während einer der wichtigsten Handlanger der fülligen Diktatorin eine ebenso offensichtliche Hitler-Karikatur ist. Letzteres besonders in der Hinsicht interessant, den so oft parodierten Diktator als gewöhnlichen Laufjungen mit Knarre zu degradieren und somit seine unfreiwillig komische Erscheinung in ein noch erbärmlicheres Licht zu rücken. Das ebenfalls oft verwendete Motiv des entführten Wissenschaftlers, der zu niederträchtigen Plänen hinzu gezogen wird, spielt Bozzetto hier durch und deutet auch hier wieder in Richtung Nazi-Unwesen und bringt sogar das heikle Thema unethischer Operationen und Versuche an Menschen auf den Tisch. Zwischen den manchmal doch arg platt geratenen Zoten findet der Film also immer wieder subversive Momente und einen zwischenzeitlich wirklich bösen Sinn für Humor.



Happy Betty verkörpert den Großkapitalismus in all seiner dekadenten Perversität – mit Hilfe undurchsichtiger Geschäftsmänner in eleganten Anzügen und versteckt hinter dunklen Sonnenbrillen und des entführten Wissenschaftlers aus Deutschland plant Betty, einer riesigen Menge von Menschen eine Sonde zu implantieren. Diese hat hypnotische Wirkung und soll sicher stellen, das die Menschen zu willenlosen Konsum-Zombies werden, die nur noch in den tausenden Supermärkten von Betty einkaufen gehen. In diesem Rahmen könnte man die einlullenden Strategien großer Konzerne und deren Kartell-Bildung inklusive korrupter bis mafiöser Strukturen kaum anprangern. Die Arbeiter werden ähnlich wie Klone dargestellt, von einer Maschine ausgespuckt und nur am Leben, um zu arbeiten, durch ihre Austauschbarkeit gesichtslos gehalten und nur auf ihre Funktion als Rädchen im System degradiert..



Diese Arbeiter, allesamt gleich aussehende kleine Asiaten mit penetrantem Grinsen im Gesicht, sind es auch, die sich im Laufrad abrackern müssen um die Geheimwaffe auf die Welt los zu lassen. Als gesellschaftskritische Parabel verhandelt „VIP“ also schwergewichtige Themen wie die Ausbeutung von Menschen als Arbeitssklaven, ausschließlich auf die Steigerung des Profits ausgelegte Wirtschaftsethik und blinden Gehorsam innerhalb eines unmenschlichen Systems. Bozzetto geht sogar noch einen Schritt weiter und führt die Parallelen zwischen faschistischer Herrenmenschen-Ideologie und dem gnadenlosen Räderwerk des Kapitalismus vor. Am Fließband gibt es in einer Szene einen Unfall, an dem einer der kleinen Asiaten offensichtlich stirbt und augenblicklich maschinell ersetzt wird – ein Roboter schiebt bereits den nächsten grinsenden Sklaven an die freie Stelle. „VIP“ strotzt ebenso vor visuellem Ideenreichtum (einfach köstlich, wenn beispielsweise Super-VIP in einer ratlosen Situation einen kleinen Stein auf seinem gewaltigen Bizeps auf und ab springen lässt) als auch vor intelligenten gesellschaftskritischen Zerrbildern. Ein vergessener Schatz der europäischen Zeichentrickgeschichte, der seinen Reiz allerdings nur entfaltet, wenn man sich mit der gewöhnungsbedürftigen Ästhetik anfreunden kann...

08/10

Hier die Eingangssequenz, in englischer Synchronisation:

Montag, 27. Juli 2009

Gay Purr-ee (1962)



Plot: Frankreich in den 1890ern: Der Kater Jaune-Tom lebt zufrieden in der Provence, er jagt Mäuse mit seinem besten Freund Robespierre und ist glücklich verliebt in die hübsche Katzendame Mewsette. Doch diese ist nicht zufrieden mit dem beschaulichen Landleben und sehnt sich nach der großen Stadt Paris, ihrem glitzernden Nachtleben und ihren romantischen Sehenswürdigkeiten. Als Jaune-Tom ihr eine gefangene Maus zum Geschenk machen will, hat Mewsette genug und schickt den Kater enttäuscht davon. Sie springt auf eine Kutsche nach Paris auf um dort ein neues Leben zu beginnen.

Robespierre, ohnehin eifersüchtig auf Mewsette und angeekelt von der liebevollen Turtelei zwischen ihr und Jaune-Tom, überbringt seinem besten Freund die vermeintlich frohe Botschaft von Mewsettes Abreise. Dieser überlegt nicht lange und folgt seiner Angebeteten nach Paris, begleitet von Robespierre, der seinen Freund nicht alleine ziehen lassen will. Mewsette ist inzwischen an ihrem Ziel angekommen, gerät aber sofort in das Netz einer kriminellen Katzenschieber-Organisation, deren Kopf die beleibte Katze Madame Rubens-Chatte ist. In ihrem Auftrag ist der verschlagene Kater Meowrice unterwegs, um naive Neuankömmlinge wie Mewsette zu täuschen und zu verkaufen...



„Gay Purr-ee“ nimmt in der Geschichte des Animationsfilms gleich in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein: Zunächst einmal handelt es sich um einen der wenigen amerikanischen Genrefilme seiner Zeit (wenn nicht gar der erste überhaupt), die sich in keinster Weise am Disney-Stil („Imitation of Life“) orientieren und im Charakterdesign auf vollendete Cartoon-Künstlichkeit setzen. Die fast schon karikaturesk anmutenden Figuren haben nicht viel zu tun mit den physikalischen Gesetzen, da kommt es schon einmal vor, das Jaune-Tom wie eine Rakete durch die Luft fliegt und schwere Holzkisten auf den Schädel bekommt ohne Schaden davon zu tragen, oder sich Madame Rubens-Chatte verstohlen direkt ans Publikum wendet und in die Kamera spricht. Diese cartoonesken Figuren agieren nur selten vor traditionell gezeichneten Hintergründen sondern werden ästhetisch ganz in die Handlungszeit versetzt, was zu einer selten gesehenen ästhetischen Heterogenität führt, die aber trotz ihrer Gegensätzlichkeiten funktioniert. Überwiegend sind die Hintergründe im Stil von impressionistischen Ölgemälden gehalten, wobei auf diverse Künstler, die direkt in Paris lebten oder auf andere Weise in ihrer Arbeit von der Stadt beeinflusst wurden, und deren markante Stilmittel bzw. Techniken verwiesen wird.

So bewegen sich die agil animierten Katzen durch fast vollständig starre und bewegungslose Stillleben, exakt nachempfunden den Gemälden von Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Cézanne und diversen anderen zeitgenössischen Malern. Auf diese überdeutlich in Szene gesetzten Referenzen weist der Film sogar selbst in einer kurzen Sequenz hin, die wie ein Fremdkörper in der Handlung wirkt und die im 1890er-Paris aktiven und populären Künstler würdigt, in dem sie namentlich aufgezählt werden und explizit die Verarbeitung ihrer Erkennungsmerkmale in den Bildern des Films heraus gestellt wird. Wenn auch etwas ungeschickt platziert, ist dieser kurze Ausflug in die Kunstgeschichte hilfreich für Laien und vor allem auch für die jüngsten Zuschauer. Zwar erkennt auch ein Laie wie ich leicht die mannigfaltigen Anspielungen auf die hinlänglich bekannten Künstler, viele andere wären mir aber ohne diesen kurzen Unterricht verborgen geblieben.



Die Ähnlichkeit zum klassischen Cartoon, die bis in die 1960er als Vorfilme einen festen Platz im Kinoprogramm hatten, ist kein Zufall: Hinter dem Projekt steht als Drehbuchautor und ungenannter Mitproduzent die Animationslegende Chuck Jones – Oscar-Preisträger und Regisseur von rund 300 Cartoons, von denen einige zu den Meilensteinen ihrer Gattung gezählt werden. Als Regisseur fungierte indessen Abe Levitow, der wohl beste und wichtigste Animator, der für Chuck Jones arbeitete. Die Handschrift des eingespielten Teams ist unverkennbar und drückt sich nicht nur in der kecken Figurenzeichnung aus sondern auch in den aberwitzigen Slapstick-Szenen, die in der romantischen Story natürlich in den Hintergrund treten. Typisch für den amerikanischen Zeichentrickfilm scheint aber die Nutzung des Musicals als äußere Form, um mittels beschwingter Gesangseinlagen die Handlung auf Spielfilmlänge zu dehnen. In „Gay Purr-ee“ wird das Setting und die Form allerdings untrennbar mit dem romantischen Inhalt vermengt, sodass die stimmigen Lieder nicht bloße Staffage bleiben sondern einen fundamentalen Beitrag zur Gesamtkonzeption leisten.



Auch für ein stimmliches Cameo des legendären Synchronsprechers Mel Blanc (Sprecher von nahezu allen wichtigen Warner-Figuren) , der als Bulldogge auftritt und für einige weitere, nicht näher genannte, Geräusche und Einzelsätze verantwortlich war. Selbst sein Faible für Wortspiele in Namen, Ortsangaben und den Filmtiteln selbst konnte Chuck Jones beibehalten: Wie ein großer Teil seiner Cartoons (unter anderem alle Filme um den Road Runner) wimmelt auch dieser Langfilm von Wortspielen, die schon im Titel beginnen - „Purr-ee“ ist eine Verballhornung der französischen Aussprache von „Paris“, ausgesprochen in Anlehnung an das Schnurren einer Katze. Mit großer Freude am Detail setzt sich dieser Trend durch den ganzen Film fort, von den Namen der Protagonisten bis hin zu Orten wie dem „Mewlon Rouge“ - letzteres unterstützt darüber hinaus auch die absurde Parallelwelt der vermenschlichten Tiere.

Dementsprechend routiniert und schnörkellos ist der Film inszeniert, stets getragen von einem beschwingten Ton, der immer wieder Platz macht für schwelgerische Gesangseinlagen. Wie in jedem guten Musical beginnt der Gesang dort, wo gesprochene Wörter nur noch kitschig wirken können und vermittelt die jeweiligen Stimmungslagen adäquat in den eingängigen Songs. Wenn die Handlung auch arg dünn erscheint und mit einem unfreiwilligen Alaska-Ausflug von Jaune-Tom und Robespierre recht bizarr ausgeschmückt wird, entwickelt der Film immer wieder neues Tempo, ohne dabei allzu viele redundante Sequenzen einzubauen. Zum einnehmenden Charme trägt auch das versierte Voice Acting bei, unter anderem mit den Stimmen der Superstars Judy Garland und Robert Goulet.

So simpel und schnörkellos die Geschichte auch erzählt wird, Abe Levitow biedert sich nicht mit einer rührseligen Moral an. Wenngleich Mewsette sich nach den Verlockungen der Stadt sehnt und ihr idyllisches Landleben gründlich satt hat und sie in Paris schnell mit den Schattenseiten ihres Traumes konfrontiert wird, wird zum Schluss nicht ihr vermeintlich falscher Freiheitswillen an den Pranger gestellt und letztlich erstrahlt Paris in schönstem Glanz.



„Gay Purr-ee“ ist ein vergessener Film, dessen Wiederentdeckung in höchstem Maße unwahrscheinlich ist. Schließlich kann man kaum von einem Meilenstein oder Meisterwerk reden, trotz der formellen Originalität und des brillanten Voice-Actings. Innerhalb der Zeichentrickgeschichte ist er relativ einzigartig geblieben – nur selten setzte beispielsweise Disney auf eine cartooneske Stilisierung (Ausnahmen bilden „101 Dalmatiner“ und der viel später entstandene „Königreich für ein Lama“) und außerhalb der kurzen Cartoons hatte kaum ein Zeichentrickfilm vor Ralph Bakshi so viel Mut zur abstrakten Darstellung - erst recht nicht im Bereich der familiengerechten Produktionen.

Auch das Setting im Paris der künstlerisch aufregenden 1890er-Jahre wurde selten so konsequent genutzt, am ehesten vielleicht im Micky Maus Cartoon „The Nifty Nineties“ aus dem Jahr 1941. Während Chuck Jones und Levitow in den Cartoons um das kultige Stinktier Pepe das Klischee des französischen Romantikers noch auf sehr süffisante Art aufgriffen, erliegt „Gay Purr-ee“ gänzlich dem Charme der Stadt der Liebe – so wird das friedvolle Happy End abgeschlossen mit einem Bild des Eiffelturms, inklusive wehender französischer Flagge.

7,5/10

Hier die von mir erwähnte Sequenz, in der ausführlich die künstlerischen Vorbilder veranschaulicht werden: