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Montag, 7. Dezember 2009

Mickys Weihnachtserzählung



REVIEW
(erschienen im Adventskalender bei Mann beisst Film)

Drei weitere weihnachtliche Reviews folgen...

Samstag, 28. November 2009

DVD-Reviews: Immigrants & Left for Dead



DVD-REVIEW
(erschienen bei movieworlds.com)



DVD-REVIEW (erschienen bei movieworlds.com)

Samstag, 15. August 2009

West and Soda - Der Wildeste Westen (1965)



Plot: Der Cowboy Johnny hat sich eigentlich von der Waffengewalt verabschiedet, doch als es ihn in eine kleine Stadt mitten in der Prärie verschlägt, ist schon bald seine Hilfe als Revolvermann gefragt. Hier lernt Johnny die liebreizende Farmersfrau Miss Clementine kennen, die von Rancher Thugs und dessen Schergen tyrannisiert wird, da Thugs hinter dem Land der jungen Frau her ist. Schnell verliebt sich Clementine in den fremden Johnny, in dem sie einen Beschützer sieht – und auch wenn sich der Cowboy nicht auf eine feste Beziehung einlassen will, eilt er zur Rettung als sie von Thugs entführt wird...

Bruno Bozzetto machte schon mit seinen frühesten Kurzfilm-Arbeiten auf sich aufmerksam, fand Beachtung bei internationalen Festivals (darunter sogar das renommierte Festival in Cannes) und lernte Größen der Zeichentrick-Kunst wie Normen McLaren kennen, von dessen abstrakten Cartoons sich Bozzetto noch heute stark beeinflusst zeigt. Nachdem er Anfang der 60er-Jahre schließlich seine Kultfigur Herr Rossi kreierte, die ihn noch über viele Jahre begleiten sollte, stieg Bozzetto zum Star-Zeichner auf und war schon bald Aushängeschild des italienischen Animationsfilms.



1965 sollte sich für Bozzetto die Chance ergeben, den ersten Zeichentrick-Langfilm Italiens nach langen Jahren (und erst den dritten überhaupt) zu inszenieren und „West and Soda“ wurde ein zufrieden stellender Erfolg an den Kinokassen – neben internationaler Vermarktung entwickelte sich die Western-Parodie schnell zum Hit im italienischen Fernsehen.

Eine sehr kurze Pre-Title-Sequence zeigt Eindrücke der kargen Prärie, deren Landschaftsbild nur von Felsen und endlosem Sand geprägt scheint. Eine Kutsche reist durch diese lebensfeindliche Umgebung und wird von einer Gruppe Indianer angegriffen. Im schmucklosen Vorspann erklingt dann bereits ein epischer Score, der sich unbefangen auf Morricone beruft und dessen Klangwelten gekonnt imitiert.



Auch wenn keine expliziten erotischen oder gewalttätigen Details zu sehen sind, eignet sich der Film kaum für ein junges Publikum mit noch ungeschultem Auge. Viel zu sehr setzt der Humor auf einen gewissen Kenntnisreichtum beim Zuschauer, was Stereotypen des Genres betrifft – Bozzetto schafft dabei nicht den Spagat (wenn er ihn überhaupt angestrebt hat, zahlreiche leicht verständliche Slapstick-Gags sprechen dafür), den Morris mit seinem Lucky Luke so formvollendet gemeistert hatte, nämlich sowohl ein erwachsenes als auch ein kindliches Publikum auf unterschiedlichen Ebenen zu unterhalten. Das allerdings auch nur auf dem Papier, ein Kinofilm setzt selbstverständlich ganz andere Mittel voraus als ein Cartoon oder ein Comic-Heft.

In überwiegend rotbraunen und schmutzig-gelben Farben parodiert „West and Soda“ den Italo-Western, als er gerade den Kinderschuhen entwachsen war und als Strömung ihre großen Höhepunkte noch vor sich hatte. Damit nimmt der humoristische Ton eine Vorreiterstellung ein hinsichtlich der späteren, eher komischen Genrevertreter, deren Erfolg maßgeblich von Bud Spencer und Terence Hill initiiert wurde. Prinzipiell zieht der Film eher die Stereotypen des Western-Genres im Allgemeinen durch den Kakao und macht sich die derzeit wachsende Begeisterung der italienischen Filmindustrie für das Genre zu nutze.



Bozzettos Hang zu minimalistischer Hintergrundgestaltung und eher hässlichen Figuren, jenseits aller Schönheits-Ideale, passt vorzüglich zum gewählten Setting – verblüffend atmosphärisch geraten die Impressionen von endloser Weite, die zwielichtige Stimmung im Dorf und auch das finale Duell. Ungeachtet der streckenweise armseligen Animationen ist Bozzettos Werk als Meilenstein im europäischen Zeichentrickfilm zu werten – vor allem, weil Bozzetto sich seiner begrenzten Möglichkeiten bewusst ist und damit das Abstrakte, das grafische in seinen Animationen auch bewusst heraus stellt.

Damit und mit seinem kruden Humorverständnis hebt sich „West and Soda“ weit ab vom Gros der zeitgenössischen Produktionen, auch wenn er technisch jederzeit unterdurchschnittlich bleibt. Bozzetto inszeniert hier einen kompromisslos individuellen Film, der in jeder Szene als Werk seines Machers erkennbar bleibt – ohne jede Anbiederung an den großen Disney-Konzern. Keine Spur von Sentimentalität, garstiger Witz steht auf dem Programm, der auch über den versierten Einsatz der Soundeffekte entwickelt wird.

Jenseits der historischen Bedeutung (die kaum angemessen gewürdigt wird) offenbaren sich aber auch Schwächen inhaltlicher Natur: die meist treffsicheren Seitenhiebe gegen Genre-Klischees und die Bloßlegung der Gewalt-Stilisierung bleiben die einzigen Aspekte, denen sich Bozzetto zu nähern scheint und lässt den gesamten Film als skizzenhafte Karikatur auf den Zuschauer los. Wirkliche Anteilnahme am eigentlichen Geschehen kommt nie auf, dafür ist die Rahmenhandlung zu konventionell und traditionellen Strickmustern verpflichtet. Ein wirklich runder Film ist „West and Soda“ also keineswegs geworden, eine Reihe kurzer Cartoons im Western-Setting hätten womöglich besser funktioniert. Dennoch ist Bozzetto einen waghalsigen und wichtigen Schritt gegangen und aus heutiger Sicht bleibt sein erster Langfilm in erster Linie ein Faszinosum für Freunde des Zeichentrick-Kinos.

5,5/10

Hier die finale Sequenz mit dem obligatorischen Duell. Kann nur begrenzt als Spoiler betrachtet werden weil das Ende vorhersehbar ist und die Kenntnis keineswegs den Film versaut:

Donnerstag, 6. August 2009

Mister Feuerstein lebt gefährlich (1966)



Plot: Der Geheimagent Rock Slag wird von Gangstern verfolgt und durch einen Sturz aus großer Höhe vermeintlich ausgeschaltet. Als hart gesottener Profi ist er aber nur verletzt und wird ins Krankenhaus von Bedrock eingeliefert. Zur gleichen Zeit bereiten sich Fred Feuerstein, sein bester Freund Barney und ihre Frauen auf den anstehenden, gemeinsamen Urlaub vor – als Fred und Barney die Tiere zum Gewahrsam beim Tierarzt gebracht haben, nimmt Fred eine gefährliche Abkürzung und baut prompt einen Autounfall – er wird zur gleichen Zeit ins heimische Krankenhaus gebracht wie Rock Slag, dem Fred zu allem Überfluss ähnelt wie einem Zwillingsbruder. Hier wird der Chef von Rock Slag auf diese Ähnlichkeit aufmerksam und unterbreitet Fred das Angebot, den verletzten Rock im Kampf gegen den Super-Verbrecher „Die Grüne Gans“ zu ersetzen.

Begeistert von der Idee, ein aufregendes Leben als Agent zu führen und im Auftrag der Regiseung Verbrecher zu stellen, nimmt Fred an, zumal sämtliche Spesen bezahlt werden. Die Reise führt ihn nach Paris und Rom – der geplante Camping-Trip mit Freunden und Familie wird nun ersetzt durch diese große Reise. Allerdings hat Fred geschworen, seine Mission streng geheim zu halten und ist daher hin und her gerissen zwischen Urlaub und verdeckter Verbrecherjagd...




„The Man Called Flintstone“ ist ein Kinofilm um die Familie Feuerstein, nach Einstellung der Serie so etwas wie ein Abschiedsgeschenk für die Zuschauer, aber auch für die Figuren, die schon zu diesem Zeitpunkt fester Bestandteil amerikanischer Popkultur waren. William Barbera und Joseph Hanna inszenierten damit ihren zweiten Langfilm nach „Hey There, It's Yogi Bear“ und beweisen erneut, das Spielfilm-Dramaturgie überhaupt nicht ihre Domäne ist. Nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit bei MGM, in denen das Duo fast ausschließlich mit der eigenen Reihe um Tom und Jerry beschäftigt war, glückte ihnen mit dem Aussterben des Kino-Cartoons mühelos der Übergang in das neue Medium Fernsehen. Rasch gelangen Erfolge wie „Yogi Bär“, „Die Jetsons“, „Scooby-Doo“ und viele weitere Kult-Serien, in denen das Kreativ-Duo seine größte Stärke ausspielen konnte: die Charakterentwicklung einprägsamer und sympathischer Figuren mit hohem Identifikationsfaktor. Über allen Arbeiten, die Hanna und Barbera nach ihren MGM-Jahren für das Fernsehen entwickelten, nimmt bis heute die Familie Feuerstein einen herausragenden ersten Platz ein. Bis Matt Groening Jahrzehnte später mit den anarchischen Simpsons alle Rekorde brechen sollte, waren die „Flintstones“ lange Jahre die erfolgreichste Zeichentrickserie überhaupt. Mit einem Kinofilm nach fünf überaus erfolgreichen Staffeln einen würdigen Abschluss zu präsentieren, misslingt gründlich, einfach weil das 20-minütige Format der Serie so gar nicht mit den Normen eines Langfilmes zu vereinbaren ist.

Nach einem gelungenen Vorspann, der ganz im James-Bond-Stil gehalten ist und sogar mit dem brillanten Titelsong eine elegante Analogie schafft zu eben jener Filmreihe, macht bereits die folgende Eingangssequenz klar, das man es nicht mit einer gewöhnlichen Storyline aus Bedrock zu tun hat. Fred Feuerstein hängt lässig zwei zwielichtige Gestalten in einer rasanten Autoverfolgungsjagd ab, in der bereits die aus den Bondfilmen bekannten technischen Gimmicks zum Einsatz kommen, hier in Form von integrierten Steinschleudern und extrem biegsamen Karosserien. Am Ende der Szene wird klar, das es sich um einen Doppelgänger handelt, der darüber hinaus als berüchtigter Geheimagent tätig ist – auch die anschließende Verwechslungsgeschichte inklusive der international agierenden Organisation, welche die gesamte Welt bedroht ist eine akkurate und in sich funktionelle Parodie auf James Bond. Über Referenzen und Zitate kommt der gesamte Film dann aber nicht hinaus, es fehlt Eigenständigkeit, das rechte Tempo und ein Spannungsbogen als Fundament der auf Dauer eher drögen Story.



Neben dem bereits erwähnten Titel-Thema, das auch instrumental während des Films erklingt, sind auch ganz und gar deplatzierte Gesangseinlagen eingebaut, die weder atmosphärischen noch dramaturgischen Sinn ergeben. Diese Szenen fühlen sich an wie Fremdkörper und wollen sich überhaupt nicht in die Konzeption des restlichen Films einfinden, funktionieren platt gesagt als Füllmaterial um die Laufzeit auf stramme 90 Minuten zu hieven. Spätestens wenn dann selbst die Babys Pebbles und Bam-Bam ein süßliches Liedchen anstimmen und durch eine verkitschte Traumlandschaft schweben wird klar, das nicht viel übrig ist vom mitunter derben Charme der Serie. Viele einzelne Episoden hatten inhaltlich eine bessere Grundlage, ein würdiger Abtritt sieht ganz anders aus – dementsprechend verhalten war der Erfolg an den Kinokassen, in den Folgejahren entwickelte sich der Film dennoch zum Evergreen im amerikanischen Fernsehen; also dort, wo der Film eigentlich von Anfang an hingehört hätte. Für einen Kinofilm ist der Plot einfach zu wässrig und unergiebig, ein 60-minütiges TV-Special mit der gleichen Geschichte hätte den gleichen Effekt erzielt.



Auch optisch macht der Film nicht viel her sondern setzt wie die Serie auf sehr reduzierte Animationen, einfach gehaltene Figuren und Hintergründe. Zudem fehlt es ein wenig an den so beliebten Anachronismen, aus der die Serie einen Großteil ihres Reizes bezogen hat – was nicht zuletzt daran liegt, das der Film stärker auf die jüngsten Zuschauer zugeschnitten ist. Die leicht chauvinistische und im Kern erzkonservative Aussage hat sich aber in den Film „gerettet“ - was aber schon aufgrund der gleichen Personenkonstellation und der daraus resultierenden Rollenverteilung unvermeidlich war. Die so fantasievoll wie detailreich erdachte Welt Bedrock kommt hier ein wenig zu kurz und macht Platz für eine groß angelegte Bondparodie. Alle Gags außerhalb dieses Kontextes werden vernachlässigt und in den Hintergrund gedrängt, was in Verbindung mit den nervtötenden Musikeinlagen auf Dauer einfach zu monoton ist. Letztere sind aber der eigentliche Grund, warum „The Man called Flintstone“ nicht funktionieren will – zu uninspiriert, einfallslos und kindisch sind die betreffenden Sequenzen geraten.

Fazit: Die Flintstones gehören nicht ins Kino. Jedenfalls nicht so. Kurioserweise zeigte erst die Realverfilmung mit John Goodman wie der Hase läuft...

04/10

Hier gibt es den gesamten Film in zehn Teilen zu sehen.

Montag, 3. August 2009

VIP - Mein Bruder der Supermann (1969)



Plot: Die VIPs gehören einem Superhelden-Geschlecht an, das seit Anbeginn der Zeit die schwächeren Lebewesen der Erde beschützt. Bisher heirateten die Supermenschen nur untereinander, doch durch eine Verwechslung verliebte sich Schnurrbart-VIP in eine gewöhnliche Kassiererin. Aus dieser ersten gemischt-rassigen Ehe zwischen Menschen und VIPs gingen zwei Söhne hervor, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: während Super-VIP mit gigantischer Körperkraft, Unverwundbarkeit sowie der Fähigkeit zu fliegen ausgestattet ist, hat der kleine Mini-VIP keine besonderen Talente. Neben seinem Bruder Super-VIP, Frauenschwarm und gefeierter Kämpfer gegen das Verbrechen, bleibt keine Beachtung übrig für Mini-VIP, der unter seinen mangelnden Fähigkeiten zunehmend leidet.

Nach einem Besuch beim Psychologen beschließt Mini-VIP eine Reise anzutreten um sich vom Stress zu erholen und seine Minderwertigkeitskomplexe abzubauen. Doch auf der Schiffsreise kommt es anders als gedacht: Gemeinsam mit einer als Löwe verkleideten Frau gerät Mini-VIP über Bord und strandet auf einer seltsamen Insel. Hier regiert die diktatorische Happy Betty, Besitzerin einer riesigen, weltweiten Supermarktkette – diese schmiedet gerade unheilvolle Pläne. Mit einem verrückten Wissenschaftler, militärischer Unterstützung, unzähligen Arbeitersklaven und der finanziellen Hilfe dubioser Geschäftsmänner plant Happy Betty eine gewaltige Massen-Gehirnwäsche zur ultimativen Profitsteigerung...




Nur wenige Jahre nach seinem ersten Langfilm „West and Soda“ (der zum kleinen Überraschungserfolg avancierte und auch internationale Beachtung fand) gelang Bruno Bozzetto mit „VIP“ ein dramaturgisch noch geschlosseneres und damit erzählerisch dichteres Werk als seine bereits überaus gelungene Italo-Western-Parodie. Bozzetto, der für seinen minimalistischen grafischen Stil bekannt und in Italien ein absoluter Star-Zeichner ist, wird nicht zuletzt geschätzt für einen unverwechselbar galligen satirischen Humor, nicht selten garniert mit bissiger Gesellschaftskritik und scharfen Spitzen gegen Politik, Medien und allgemeine menschliche Schwächen. Das der Regisseur, Drehbuchautor und Zeichner bei all dem Spott kein verbitterter Zyniker ist, zeigen seine liebevoll gezeichneten Helden, meist Außenseiter und Träumer die es nicht leicht im Leben haben – wie seine berühmteste Figur Herr Rossi oder eben auch sein Protagonist in „VIP“, das gedrungene Männlein Mini-VIP, der schwächste Mann der Welt.

Schon die Physiognomie zeugt von vorhandenem Selbstbewusstsein: Mit verschüchtertem Blick fühlt sich der gedrungene, unförmige kleine Mann unwohl in einer feindlichen Welt, während ihm in Form seines Bruders ein männliches Idealbild an die Seite gestellt wird. Super-VIP ist eine leicht erkenntliche Parodie auf Superman und alle Helden ähnlichen Strickmusters, bekommt aber durch die ihm inne wohnende Arroganz und an Dümmlichkeit grenzende Naivität eine ganz eigene satirische Note, die es nicht bei einer bloßen Verballhornung belässt. Vielmehr deckt Bozzetto anhand des selbstherrlichen aber dennoch gutherzigen Super-VIP das Problem jener strahlender Helden ohne Angriffspunkte auf: Jede Identifikation geht verloren und der immer überlegene Held wird einfach langweilig. Dementsprechend schenkt der Film seine Aufmerksamkeit eher dem benachteiligten Mini-VIP – Bozzetto bleibt den Outsidern treu.



Obgleich „VIP“ auch für Kinder bedingt geeignet ist, scheint Bozzetto keinesfalls daran interessiert zu sein, einen sauberen Familienfilm abzuliefern. Dafür spricht schon die schmutzig anmutende Ästhetik bar jeglicher Verniedlichung, die sich mit erdigen, matten Farben und skurriler Figurenzeichnung weitab von bekannten Disney-Standards bewegt und aufgrund des kleineren Budgets auch technisch nicht in dieser Liga spielen kann. Bozzetto schert sich aber einen Dreck um eine Annäherung an eventuelle amerikanische Vorbilder und zelebriert gerade seine so typischen, völlig simplifizierten Hintergründe, die dennoch ihren Effekt nicht verfehlen. Mitunter sind die Bewegungsabläufe etwas steif geraten, was aber durch Bozzettos ungezügelte Liebe zum schrägen Detail ausgeglichen wird. In zurückhaltendem Maß bedient er sich in „VIP“ auch anzüglicher und sogar leicht gewalttätiger Anspielungen (z.B. wird der Kampf zwischen einem kraftmeiernden Oberst und Mini-VIP nicht gerade zimperlich ausgetragen) und disqualifiziert sich somit als „pädagogisch wertvoll“ - was natürlich als zusätzlicher Sympathie-Punkt zu werten ist.



Auch wenn Bozzetto oberflächlich wieder eine Genre-Parodie inszeniert, ist er hier doch weniger daran interessiert Filmklischees und ikonische Bilder zu demontieren – vielleicht auch, weil der Superhelden-Stoff eher Sache der Amerikaner ist und es sich keineswegs um eine so genuine Thematik handelt wie es noch beim Italo-Western der Fall war. Die meisten offensichtlichen filmischen Referenzen entstammen dabei nicht, wie es Titel und Geschichte vielleicht vermuten lassen, aus klassischem Superhelden-Pulp sondern eher aus der Edel-Trivialreihe „James Bond“ - irgendwo ja auch ein Superheld. Nach einem eher handelsüblichen Beginn kommt die Handlung schon nach knapp 20 Minuten auf die oben erwähnte Insel, wo der gesamte restliche Film spielt. Hier verlässt Bozzetto endgültig die schnöde Superhelden-Parodie (zu der ihm nichtsdestotrotz einige köstliche Scherze einfallen) und unterfüttert seinen zweiten Langfilm mit schriller Konsumkritik, die mit bizarren Allegorien und einigen verstörend psychedelischen Einlagen die jüngsten Zuschauer komplett aus den Augen verliert. Nicht zuletzt diese unangepasste, grobschlächtige Art verleiht „VIP“ aber einen kaum zu leugnenden Charme. Fast jeder andere Regisseur hätte aus der Grundkonstellation und den sich zum Ende zuspitzenden Ereignissen (Super-VIP und die Frauen werden gefangen genommen) eine vorhersehbare Motivations-Story erzählt, in der ein Feigling über sich hinaus wächst und die halbe Welt rettet – Bozzetto pfeift glücklicherweise auch auf solch genormte Wendungen und verrät seine Charaktere nicht, in dem er sie zugunsten einer billigen Moral auflaufen bzw. zu Marionetten verkommen lässt.



Bestechend auch die Fülle intelligenter popkultureller und geschichtlicher Verweise, die bereits beim Charakterdesign beginnen: Der linkische Hornbrillenträger Mini-VIP ist eine eindeutig zu identifizierende Karikatur des Kultfilmers Woody Alle, während einer der wichtigsten Handlanger der fülligen Diktatorin eine ebenso offensichtliche Hitler-Karikatur ist. Letzteres besonders in der Hinsicht interessant, den so oft parodierten Diktator als gewöhnlichen Laufjungen mit Knarre zu degradieren und somit seine unfreiwillig komische Erscheinung in ein noch erbärmlicheres Licht zu rücken. Das ebenfalls oft verwendete Motiv des entführten Wissenschaftlers, der zu niederträchtigen Plänen hinzu gezogen wird, spielt Bozzetto hier durch und deutet auch hier wieder in Richtung Nazi-Unwesen und bringt sogar das heikle Thema unethischer Operationen und Versuche an Menschen auf den Tisch. Zwischen den manchmal doch arg platt geratenen Zoten findet der Film also immer wieder subversive Momente und einen zwischenzeitlich wirklich bösen Sinn für Humor.



Happy Betty verkörpert den Großkapitalismus in all seiner dekadenten Perversität – mit Hilfe undurchsichtiger Geschäftsmänner in eleganten Anzügen und versteckt hinter dunklen Sonnenbrillen und des entführten Wissenschaftlers aus Deutschland plant Betty, einer riesigen Menge von Menschen eine Sonde zu implantieren. Diese hat hypnotische Wirkung und soll sicher stellen, das die Menschen zu willenlosen Konsum-Zombies werden, die nur noch in den tausenden Supermärkten von Betty einkaufen gehen. In diesem Rahmen könnte man die einlullenden Strategien großer Konzerne und deren Kartell-Bildung inklusive korrupter bis mafiöser Strukturen kaum anprangern. Die Arbeiter werden ähnlich wie Klone dargestellt, von einer Maschine ausgespuckt und nur am Leben, um zu arbeiten, durch ihre Austauschbarkeit gesichtslos gehalten und nur auf ihre Funktion als Rädchen im System degradiert..



Diese Arbeiter, allesamt gleich aussehende kleine Asiaten mit penetrantem Grinsen im Gesicht, sind es auch, die sich im Laufrad abrackern müssen um die Geheimwaffe auf die Welt los zu lassen. Als gesellschaftskritische Parabel verhandelt „VIP“ also schwergewichtige Themen wie die Ausbeutung von Menschen als Arbeitssklaven, ausschließlich auf die Steigerung des Profits ausgelegte Wirtschaftsethik und blinden Gehorsam innerhalb eines unmenschlichen Systems. Bozzetto geht sogar noch einen Schritt weiter und führt die Parallelen zwischen faschistischer Herrenmenschen-Ideologie und dem gnadenlosen Räderwerk des Kapitalismus vor. Am Fließband gibt es in einer Szene einen Unfall, an dem einer der kleinen Asiaten offensichtlich stirbt und augenblicklich maschinell ersetzt wird – ein Roboter schiebt bereits den nächsten grinsenden Sklaven an die freie Stelle. „VIP“ strotzt ebenso vor visuellem Ideenreichtum (einfach köstlich, wenn beispielsweise Super-VIP in einer ratlosen Situation einen kleinen Stein auf seinem gewaltigen Bizeps auf und ab springen lässt) als auch vor intelligenten gesellschaftskritischen Zerrbildern. Ein vergessener Schatz der europäischen Zeichentrickgeschichte, der seinen Reiz allerdings nur entfaltet, wenn man sich mit der gewöhnungsbedürftigen Ästhetik anfreunden kann...

08/10

Hier die Eingangssequenz, in englischer Synchronisation:

Montag, 27. Juli 2009

Gay Purr-ee (1962)



Plot: Frankreich in den 1890ern: Der Kater Jaune-Tom lebt zufrieden in der Provence, er jagt Mäuse mit seinem besten Freund Robespierre und ist glücklich verliebt in die hübsche Katzendame Mewsette. Doch diese ist nicht zufrieden mit dem beschaulichen Landleben und sehnt sich nach der großen Stadt Paris, ihrem glitzernden Nachtleben und ihren romantischen Sehenswürdigkeiten. Als Jaune-Tom ihr eine gefangene Maus zum Geschenk machen will, hat Mewsette genug und schickt den Kater enttäuscht davon. Sie springt auf eine Kutsche nach Paris auf um dort ein neues Leben zu beginnen.

Robespierre, ohnehin eifersüchtig auf Mewsette und angeekelt von der liebevollen Turtelei zwischen ihr und Jaune-Tom, überbringt seinem besten Freund die vermeintlich frohe Botschaft von Mewsettes Abreise. Dieser überlegt nicht lange und folgt seiner Angebeteten nach Paris, begleitet von Robespierre, der seinen Freund nicht alleine ziehen lassen will. Mewsette ist inzwischen an ihrem Ziel angekommen, gerät aber sofort in das Netz einer kriminellen Katzenschieber-Organisation, deren Kopf die beleibte Katze Madame Rubens-Chatte ist. In ihrem Auftrag ist der verschlagene Kater Meowrice unterwegs, um naive Neuankömmlinge wie Mewsette zu täuschen und zu verkaufen...



„Gay Purr-ee“ nimmt in der Geschichte des Animationsfilms gleich in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein: Zunächst einmal handelt es sich um einen der wenigen amerikanischen Genrefilme seiner Zeit (wenn nicht gar der erste überhaupt), die sich in keinster Weise am Disney-Stil („Imitation of Life“) orientieren und im Charakterdesign auf vollendete Cartoon-Künstlichkeit setzen. Die fast schon karikaturesk anmutenden Figuren haben nicht viel zu tun mit den physikalischen Gesetzen, da kommt es schon einmal vor, das Jaune-Tom wie eine Rakete durch die Luft fliegt und schwere Holzkisten auf den Schädel bekommt ohne Schaden davon zu tragen, oder sich Madame Rubens-Chatte verstohlen direkt ans Publikum wendet und in die Kamera spricht. Diese cartoonesken Figuren agieren nur selten vor traditionell gezeichneten Hintergründen sondern werden ästhetisch ganz in die Handlungszeit versetzt, was zu einer selten gesehenen ästhetischen Heterogenität führt, die aber trotz ihrer Gegensätzlichkeiten funktioniert. Überwiegend sind die Hintergründe im Stil von impressionistischen Ölgemälden gehalten, wobei auf diverse Künstler, die direkt in Paris lebten oder auf andere Weise in ihrer Arbeit von der Stadt beeinflusst wurden, und deren markante Stilmittel bzw. Techniken verwiesen wird.

So bewegen sich die agil animierten Katzen durch fast vollständig starre und bewegungslose Stillleben, exakt nachempfunden den Gemälden von Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Cézanne und diversen anderen zeitgenössischen Malern. Auf diese überdeutlich in Szene gesetzten Referenzen weist der Film sogar selbst in einer kurzen Sequenz hin, die wie ein Fremdkörper in der Handlung wirkt und die im 1890er-Paris aktiven und populären Künstler würdigt, in dem sie namentlich aufgezählt werden und explizit die Verarbeitung ihrer Erkennungsmerkmale in den Bildern des Films heraus gestellt wird. Wenn auch etwas ungeschickt platziert, ist dieser kurze Ausflug in die Kunstgeschichte hilfreich für Laien und vor allem auch für die jüngsten Zuschauer. Zwar erkennt auch ein Laie wie ich leicht die mannigfaltigen Anspielungen auf die hinlänglich bekannten Künstler, viele andere wären mir aber ohne diesen kurzen Unterricht verborgen geblieben.



Die Ähnlichkeit zum klassischen Cartoon, die bis in die 1960er als Vorfilme einen festen Platz im Kinoprogramm hatten, ist kein Zufall: Hinter dem Projekt steht als Drehbuchautor und ungenannter Mitproduzent die Animationslegende Chuck Jones – Oscar-Preisträger und Regisseur von rund 300 Cartoons, von denen einige zu den Meilensteinen ihrer Gattung gezählt werden. Als Regisseur fungierte indessen Abe Levitow, der wohl beste und wichtigste Animator, der für Chuck Jones arbeitete. Die Handschrift des eingespielten Teams ist unverkennbar und drückt sich nicht nur in der kecken Figurenzeichnung aus sondern auch in den aberwitzigen Slapstick-Szenen, die in der romantischen Story natürlich in den Hintergrund treten. Typisch für den amerikanischen Zeichentrickfilm scheint aber die Nutzung des Musicals als äußere Form, um mittels beschwingter Gesangseinlagen die Handlung auf Spielfilmlänge zu dehnen. In „Gay Purr-ee“ wird das Setting und die Form allerdings untrennbar mit dem romantischen Inhalt vermengt, sodass die stimmigen Lieder nicht bloße Staffage bleiben sondern einen fundamentalen Beitrag zur Gesamtkonzeption leisten.



Auch für ein stimmliches Cameo des legendären Synchronsprechers Mel Blanc (Sprecher von nahezu allen wichtigen Warner-Figuren) , der als Bulldogge auftritt und für einige weitere, nicht näher genannte, Geräusche und Einzelsätze verantwortlich war. Selbst sein Faible für Wortspiele in Namen, Ortsangaben und den Filmtiteln selbst konnte Chuck Jones beibehalten: Wie ein großer Teil seiner Cartoons (unter anderem alle Filme um den Road Runner) wimmelt auch dieser Langfilm von Wortspielen, die schon im Titel beginnen - „Purr-ee“ ist eine Verballhornung der französischen Aussprache von „Paris“, ausgesprochen in Anlehnung an das Schnurren einer Katze. Mit großer Freude am Detail setzt sich dieser Trend durch den ganzen Film fort, von den Namen der Protagonisten bis hin zu Orten wie dem „Mewlon Rouge“ - letzteres unterstützt darüber hinaus auch die absurde Parallelwelt der vermenschlichten Tiere.

Dementsprechend routiniert und schnörkellos ist der Film inszeniert, stets getragen von einem beschwingten Ton, der immer wieder Platz macht für schwelgerische Gesangseinlagen. Wie in jedem guten Musical beginnt der Gesang dort, wo gesprochene Wörter nur noch kitschig wirken können und vermittelt die jeweiligen Stimmungslagen adäquat in den eingängigen Songs. Wenn die Handlung auch arg dünn erscheint und mit einem unfreiwilligen Alaska-Ausflug von Jaune-Tom und Robespierre recht bizarr ausgeschmückt wird, entwickelt der Film immer wieder neues Tempo, ohne dabei allzu viele redundante Sequenzen einzubauen. Zum einnehmenden Charme trägt auch das versierte Voice Acting bei, unter anderem mit den Stimmen der Superstars Judy Garland und Robert Goulet.

So simpel und schnörkellos die Geschichte auch erzählt wird, Abe Levitow biedert sich nicht mit einer rührseligen Moral an. Wenngleich Mewsette sich nach den Verlockungen der Stadt sehnt und ihr idyllisches Landleben gründlich satt hat und sie in Paris schnell mit den Schattenseiten ihres Traumes konfrontiert wird, wird zum Schluss nicht ihr vermeintlich falscher Freiheitswillen an den Pranger gestellt und letztlich erstrahlt Paris in schönstem Glanz.



„Gay Purr-ee“ ist ein vergessener Film, dessen Wiederentdeckung in höchstem Maße unwahrscheinlich ist. Schließlich kann man kaum von einem Meilenstein oder Meisterwerk reden, trotz der formellen Originalität und des brillanten Voice-Actings. Innerhalb der Zeichentrickgeschichte ist er relativ einzigartig geblieben – nur selten setzte beispielsweise Disney auf eine cartooneske Stilisierung (Ausnahmen bilden „101 Dalmatiner“ und der viel später entstandene „Königreich für ein Lama“) und außerhalb der kurzen Cartoons hatte kaum ein Zeichentrickfilm vor Ralph Bakshi so viel Mut zur abstrakten Darstellung - erst recht nicht im Bereich der familiengerechten Produktionen.

Auch das Setting im Paris der künstlerisch aufregenden 1890er-Jahre wurde selten so konsequent genutzt, am ehesten vielleicht im Micky Maus Cartoon „The Nifty Nineties“ aus dem Jahr 1941. Während Chuck Jones und Levitow in den Cartoons um das kultige Stinktier Pepe das Klischee des französischen Romantikers noch auf sehr süffisante Art aufgriffen, erliegt „Gay Purr-ee“ gänzlich dem Charme der Stadt der Liebe – so wird das friedvolle Happy End abgeschlossen mit einem Bild des Eiffelturms, inklusive wehender französischer Flagge.

7,5/10

Hier die von mir erwähnte Sequenz, in der ausführlich die künstlerischen Vorbilder veranschaulicht werden:

Mittwoch, 22. April 2009

Filmtagebuch München (31.03.-17.04.09)

Hier mein persönlicher Rückblick auf die Zeit, die ich in München verbracht habe, zumindest was Filme betrifft. 11 Kinobesuche habe ich geschafft, durch die vielen Kurzfilme komme ich damit auf knapp 40 Filme, ein paar im Fernsehen mit gerechnet. 4 mal habe ich die Reihe „Japanische Animationsfilme“ besucht, die sich mit den Wurzeln des Genres auseinander setzt und ein äußerst seltenes Programm zu bieten hatte. 2 Besuche gingen in die Retrospektive zu Apichatpong Weerasethakul, deren Ergebnisse mich wohl als Kunstbanausen entlarven werden. „Monsters vs Aliens“ musste wegen der 3D-Technik sein, „Gran Torino“ und die beiden „Dirty Harry“-Filme wegen meiner immer stärker werdenden Neugier auf Clint Eastwood. Als Buttgereit-Fan habe ich mich natürlich auch gefreut über die Gelegenheit, seinen „Captain Berlin versus Hitler“ schon sehen zu dürfen und 5 Filme im Fernsehen sind es dann auch noch geworden...

FILME IM TV:

Monsterland (7,5/10)
Erhellende Dokumentation von Jörg Buttgereit, die ihrem komplexen Thema allerdings nicht gerecht werden kann. Doch auch wenn viele der angerissenen Denkanstöße zu kurz kommen, taucht der Film doch mit sichtbarer Freude in seinen Gegenstand ein und fördert mehr zu Tage als übliche, ähnlich gelagerte Produktionen. Buttgereit beschränkt sich nicht auf Monsterdarstellungen in westlichen Produktionen und ihre vornehmlich psychologischen Funktionsweisen sondern nutzt die Gelegenheit um ein Thema einzubinden, das ihm selbst bekanntlich sehr am Herzen liegt: Den japanischen Monsterfilm und seine kulturelle Bedeutung – diese persönliche Note verleiht „Monsterland“ echten Charakter und hebt ihn trotz einiger Oberflächlichkeiten, die gerne hätten ausgebaut werden können, weit von der Masse ab. Ein für Einsteiger ebenso wie für gestandene Horror- bzw. Monsterfans geeigneter Streifzug, welcher durchaus einen etwas anderen Blick auf vermeintlich tot diskutierte Figuren wirft...

The Commitments (8,5/10)
Alan Parker entwirft eine vielschichtige und genau recherchierte Milieustudie, die ihr Setting authentisch abbildet und keinen Platz hat für kitschige Übertreibungen. Statt eine konventionelle Rise-and-Fall-Geschichte anhand altbekannter Schlüsselstationen zu erzählen bemüht sich der Film um die realistische Schilderung des schwierigen Beginns einer musikalischen Karriere. Das ungeschönte Stadtbild Dublins, die energiegeladenen Musikeinlagen und die unverbrauchten Darsteller tragen zum Gelingen dieses außergewöhnlichen Musikfilms bei, der seine Figuren weder heroisiert noch verteufelt und als wirkliche Charaktere mit Ecken und Kanten begreift. So verwundert es kaum, wenn Parker seine Geschichte unglamourös zu Ende gehen lässt, ohne einen Aufstieg zu Ruhm und Reichtum zu benötigen. Die straffe Inszenierung, welche trotzdem Platz lässt für eine melancholische Note, verpackt das Ganze in einen höchst unterhaltsamen, zu Herzen gehenden Film, der bis zum Ende seinen Sinn für Humor nicht vergisst und darüber hinaus keine redundante Liebesgeschichte erzählt, auch wenn die Personenkonstellation diese geradezu anbieten würde. So kann die Machart des Films verstanden werden als Entsprechung der vorgetragenen Musik: ebenso rau, ungeschliffen und aus dem Bauch heraus wie die Commitments im Film klingen, funktioniert auch ihre (fiktive) Geschichte...

Voll auf die Nüsse (4,5/10)
Dank des begnadeten Ben Stiller funktioniert diese grelle, laute Komödie über weite Strecken ganz gut, auch wenn sie sich immer wieder in peinlichen Zoten verrennt und auf pure Oberflächenunterhaltung aus ist. Dabei verschenkt der Film leider unzählige Möglichkeiten, die sich in diversen gelungenen Ansätzen zeigen: Sei es der spöttische Blick auf moderne Fitness-Studios und die Geschäftspolitik großer Ketten oder die in ihrer Herangehensweise originelle Verballhornung typischer Sportfilme amerikanischer Prägung. Letztlich zerfällt „Voll auf die Nüsse“ aber in ziellos umher geschleuderte Pointen, die insgesamt zu uneinheitlich ausfallen und auch qualitativ weit auseinander driften. Da ist von intelligent-hintergründig über moderat und bieder bis hin zu Intelligenz beleidigenden Blindgängern einfach alles dabei, was die Gesamtwertung deutlich runter zieht. Kurzweilig und manchmal gar schreiend komisch ist der Film also allemal, auch wenn er sein Potential nicht ausschöpft und nur dröge Figuren für seine Schauspieler bereit hält. Einzige Ausnahme bildet hier Stiller, der mit sichtlichem Spaß bei der Sache ist...

Ein Hauch von Nerz (6,5/10)
Schwungvolle Screwball-Komödie mit hinreißenden Darstellern und einem verschmitzten Drehbuch, das viel Platz lässt für Frivolitäten und hintergründige Geschlechterwitze. Doris Day und Cary Grant harmonieren sichtbar miteinander, bringen den nötigen Esprit in das Geschehen. Trotz einiger scharfzüngiger Dialogzeilen und doppelbödiger Witzeleien verläuft die Handlung sehr geradlinig, vorhersehbar und damit einfach zu glatt. Das ändert aber nichts an der schönen Unterhaltung, die diese mondän inszenierte Liebesgeschichte bereiten kann.

She's The One(7,5/10)
Die Regiearbeiten von Edward Burns gehören schon lange zu meinen Lieblingen, da es sich stets um erfrischend ehrliche, direkte und unkomplizierte Independentfilme handelt, die nicht selten an Woody Allen erinnern aber einen ganz eigenen Weg finden. „She's The One“ funktioniert als Quasi-Remake des extrem ökonomischen Debütfilms „Kleine Sünden unter Brüdern“ und erzählt damit eine sehr ähnliche Geschichte mit vereinfachter Figurenkonstellation und einigen bekannten Gesichtern. Anders als man vielleicht vermuten mag bedeutet diese Mainstream-Version aber keine Weichspülung des Originals, das leichtfüßig und beschwingt weiter gedacht wird. Auch wenn die Dialoglastigkeit und die eher schwammige Dramaturgie abschreckend wirken können, so findet dennoch eine glaubwürdige Entwicklung statt – auch wenn am Ende ein wenig zu dick aufgetragen wird. Ansonsten verläuft die Story in verhaltenem Tempo und richtet sich ganz nach den Gefühlen der Figuren, die durchaus ambivalent gezeichnet sind, auch wenn die Sympathien klar verteilt sind. Unterm Strich eine empfehlenswerte, luftig-lockere Beziehungskomödie, die (ungeachtet ihrer positiven Einstellung zum Leben) keine falschen Versprechungen macht und in ihrer liebenswerten Bescheidenheit ganz einfach gute Laune macht...

SONDERVORSTELLUNG IM MÜNCHENER WERKSTATTKINO:

Captain Berlin versus Hitler (2009) (07/10)
Buttgereit pur! Der ehemalige Underground-Regisseur mit Kultstatus kehrt zu seinen Wurzeln zurück und reanimiert Captain Berlin, eine Kunstfigur, die Buttgereit für einen frühen Super-8-Film erschaffen und auch eine Hauptrolle in einem seiner viel später entstandenen Hörspiele widmete. Hier wird Captain Berlin zum Gegenspieler Hitlers, dessen Hirn von einer durchgeknallten Nazi-Doktorin ins Leben zurück geholt wurde. Reichlich skurriler Stoff, den Buttgereit auf die Theater-Bühnen los lassen durfte, von Thilo Goosejohan geistreich montiert und rasant geschnitten. Mit sparsam eingesetzten Spezialeffekten, mit denen das Bildmaterial überarbeitet wurde sowie Gimmicks wie Sprechblasen, in denen der gesprochene Dialog erscheint, unterstreichen den filmischen Charakter – hier handelt es sich keineswegs um lieblos abgefilmtes Theater. Das versierte Spiel zwischen Kamera und Schnitt lässt beinahe vergessen, das es sich nicht um einen „richtigen“ Film handelt. Außerdem platziert Goosejohan geschickt Ausschnitte aus frühen Super-8-Filmen von Buttgereit, die innerhalb des Gesamtbildes eine völlig neue Funktion erfüllen und damit wunderbar als Selbstzitat funktionieren. Darüber hinaus ist die charmante Mischung aus Groschenheft-Krimi, politischer Groteske und Naziploitation, mit einem ganz tollen Ilsa-Verschnitt in der Hauptrolle...


REGULÄR LAUFENDE KINOFILME bzw. AUFFÜHRUNGEN IM FILMMUSEUM:

Monsters vs. Aliens (2009) 5,5/10
Der neue Animationsfilm aus dem Hause DreamWorks hätte endlich mal wieder eine runde Sache werden können: schließlich sind die besten Filme, „Antz“ und „Shrek“, schon eine ganze Weile her. Vieles sorgt hier für Stimmung: Da wäre zunächst einmal wie wunderbar eingesetzte 3D-Technik (alleine die Weltraum-Sequenzen sind eine Augenweide), die hier als Gimmick besondere Daseinsberechtigung hat, steht der Film doch in der Tradition des Genrefilms der 50er-Jahre, in denen erstmals ein großes Kinopublikum mit 3D-Effekten gelockt wurde. Auch die zahlreichen intelligenten Referenzen machen Freude, sind sie doch längst nicht so aufgesetzt wie gewohnt von DreamWorks von zitieren aus heute eher unbekannten B-Filmen. Ob „Angriff der 20-Meter-Frau“, Der originale „Blob“, „Die Fliege“ mit Vincent Price oder der „Schrecken vom Amazonas“ von Jack Arnold – pointiert und mit deutlicher Liebe zum parodierten Gegenstand bedient der Film ebenso alteingesessene Filmfans wie auch die Kinder, die an gelungener Situationskomik ihren Spaß haben können. Der Feinschliff fehlt aber wie üblich in der Figurenzeichnung, die vor allem sehr lieblos eine Hauptfigur präsentiert, die mal eben genau so aussieht wie eine Mischung des kleinen Mädchens aus „Bolt“ und Kim Possible. Natürlich stehlen die betont skurrilen Nebencharaktere ihr sämtliche Schau. Außerdem ist das löchrige Drehbuch nur wenig originell und im Showdown gar uninteressant. Nebenbei entwirft der Film ein positives Bild vom Militär, das in seiner reaktionären Einfachheit und loyaler Pflichterfüllung der Politik deutlich vorgezogen wird. So ist der Präsident nichts weiter als ein schusseliger Trottel, während der konservative General immer voll zu seinem Wort steht und am Ende den Tag rettet...

Gran Torino (2008) (9,5/10)
Der würdige Abtritt einer Ikone. Offensichtlich und doch subtil setzt Eastwood einen Schlusspunkt, in dem er all seine Figuren, die er in einer langen und erfolgreichen Karriere dargestellt hat, in einer bündelt und einen markanten Kommentar zum eigenen Gesamtwerk hinterlässt. Dabei entschuldigt sich der Filmemacher für nichts und versetzt gerade jenen Zuschauern und Kritikern einen Stich, die sich gerne zu einer faschistoiden Leseart seiner Filme und Charaktere hinreißen lassen und damit nur einen Teilgedanken wahrnehmen. „Gran Torino“ ist auch ein im höchsten Maße moralischer Film, im positiven Sinne des Wortes und gibt gleichzeitig einen Scheiß auf politische Korrektheit. Mit leiser Wehmut und doch stolz geschwellter Brust beendet Eastwood seine Karriere als Schauspieler und hätte sich dafür keinen eindrucksvolleren und kraftstrotzenderen Film wünschen können. Ein Meisterwerk und ein verdammt witziger Film dazu, so einfach und gleichzeitig so unwahrscheinlich komplex, reich an Gedanken und doch reduziert. Wunderbar...

The Enforcer (1976) (4,5/10)
Schlechtester Vertreter der Reihe um Dirty Harry, der im Gegensatz zur ersten Fortsetzung keine neuen Akzente zu setzen weiß und daher unangenehm in Routine erstarrt. Als Genrefilm durchaus brauchbar und auch mit einem fiebrig-guten Score von Jerry Fielding versehen, krankt der dritte Teil an den wenig charismatischen Nebenfiguren und der unattraktiv umgesetzten Action. So fehlt einer überlangen Verfolgungsjagd zu Fuß einfach jegliches Timing, Szenen wie diese bremsen das Tempo des fahrig inszenierten Films mehrfach aus. Clint Eastwood ist zwar cool wie immer und sorgt für ironische Zwischentöne, kann aber dem müden Handlungsverlauf nicht viel entgegen setzen...

Sudden Impact (1983) (07/10)
Nach dem schwachen direkten Vorgänger stellt diese reißerische Selbstjustiz-Geschichte eine klare Steigerung dar. Obwohl das eigentliche Thema nur wenig differenziert abgehandelt wird und wieder reichlich Stoff für eine faschistische Interpretation der Hauptfigur zulässt, ist der Film dem dritten Teil vor allem formal überlegen. Mit mehr Betonung auf Action und Bewegung erhält er als Copfilm eine wesentlich unterhaltendere Komponente und fügt neben einem sympathischen Partner (der bis zu seinem Tod natürlich nur Stichwortgeber bleibt) einen weiblichen Gegenentwurf zum dreckigen Harry hinzu. Auch wenn der Film eher die niederen Instinkte bedient: Die furiose Inszenierung und die starke Sondra Locke lasse über ideologische Fragwürdigkeiten hinweg sehen und klären den Blick auf einen knallharten Genrefilm, der es nie vergisst, eine gewisse Ironie durchscheinen zu lassen...



APICHATPONG WEERASETHAKUL (Retrospektive im Münchener Filmmuseum)

The Adventure of Iron Pussy (2003) 06/10
Herrlich schräge und überdrehte Agenten-Parodie, inszeniert als schrilles, thailändisches Camp-Musical. Voll von forcierten Fehlern, unbekümmertem Slapstick einfachster Machart und krude gezeichneten, überkandidelten Figuren. Nach einem amüsanten Beginn flacht das Konzept aber bald ab und weiß gegen Ende keine Akzente mehr zu setzen. Doch auch wenn dem Film vor Schluss die Puste ausgeht, so gefällt doch die minimalistische Ausführung, die Ideenreichtum und sicheren Umgang mit der Materie beweist. Die grellen Szenenbilder sind allerdings wenig abwechslungsreich, sodass sich die betont anachronistische Optik schnell abnutzt und unter der vergnüglichen Oberfläche nicht mehr viel offenbart als gepflegte Langeweile. Das alles natürlich unter der Berücksichtigung, das ich mit den mannigfaltigen Zitaten nichts anfangen, sie nicht einmal in großer Häufigkeit entdecken konnte. Aber wer kennt sich schon mit thailändischen Musicals, Soaps und frühen Actionfilmen aus?

Mysterious Object at Noon (2000)
Ich oute mich jetzt mal als totaler Kunstbanause: Der scheinbar in der gesamten Welt als Erneuerer des Kinos gefeierte Apichatpong Weerasethakul konnte mich mit diesem Film nicht erreichen. Wohl auch nicht die anderen Kinozuschauer, die nach der Vorstellung fast fluchtartig das Kino verließen und sich die Kommentare des Filmemachers gar nicht erst anhören wollte. Zwar gefällt die wahrhaft zeitlose, altmodische Optik, die eine Atmosphäre zwischen Fiktion und Dokumentation kreiert und teilweise sehr schöne, grobkörnige schwarz-weiß-Bilder hervor bringt – inhaltlich war mir das alles zu sehr Avantgarde. Wir lauschen einer diffusen Geschichte, die von unterschiedlichsten Personen weiter erzählt wird und so immer wieder neue individuelle Prägungen bekommt. Eine konventionelle Entwicklung findet nicht statt, lediglich eine gediegene Sammlung von Fragmenten, ausschließlich verbal weiter getragen. Vielleicht war die kulturelle Barriere zu groß für mich, doch dieser sich konsequent jeder Aktion verweigernde Film hat in erster Linie ein Gefühl erzeugt: Gewaltige Langeweile...

Thirdworld (1997)
In gewisser Weise eine frühere Version von „Mysterious Object at Noon“, die teilweise aus dem gleichen Material schöpfen und auch eine ähnliche Stimmung verbreiten. Mit präzisem Look für das Belanglose skizziert der Film ein einfaches Dorf und seine Einwohner, verweigert sich aber ebenso wie sein großer Bruder jedem eindeutigem Zugang. Zäher Stoff, der aber immerhin einen authentischen Blick auf ein dem Regisseur scheinbar gut vertrautes Milieu wirft...

Like The Relentless Fury of the Pounding Waves (1995)
Es ist wohl bezeichnend, das mir der trashige „The Adventure of Iron Pussy“ am besten Gefallen hat, in dem Teil der Retrospektive, die ich mir anschauen konnte. Die Filme, die den Ruf des Regisseurs begründet haben, konnte ich mir leider nicht ansehen, ein umfassenderes Bild werde ich mir bei Gelegenheit sicher machen. Vorliegender Kurzfilm kommt aber auch über einen reizvollen Ansatz kaum heraus und zeigt den hohen Stellenwert einer trivialen Radio-Unterhaltungsshow, die in Thailand scheinbar ein echter Straßenfeger ist. Mit sensationalistischer Erzählstimme werden Groschenheft-Geschichten vorgetragen, die für viele Menschen die Flucht aus einem tristen Alltag ermöglichen. So zeigt der Film verschiedene Personen, die allesamt an den Lippen der Show hängen und deren Leben in diesem kurzen Zeitraum wie erstarrt erscheint. Ein durchaus interessantes Frühwerk, für das die erklärende Einleitung allerdings auch bitter nötig war...

Mobile Men (2008)
Dreiminütiger Beitrag zum Kompilationsfilm „Stories of Human Rights“, der ein paar junge thailändische Männer auf der Ladefläche eines Pick-Ups zeigt. Die schreien rum, erfreuen sich ihres Lebens, zeigen ihre Tattoos (mit denen die Mädchen beeindruckt werden) und im Hintergrund zieht die Landschaft vorüber, die von üppiger Vegetation bestimmt wird. Ganz bestimmt auch ein visionäres Kunstwerk, das sich mir aber nicht im geringsten erschlossen hat...

Teem, Nov 21 (2007) 01/10
Weerasethakul filmt knapp 25 Minuten (gefühlte 10 Stunden) seinen Lebensgefährten beim schlafen. Ach nein, manchmal stößt er ihn leicht an, sodass der Schlafende mal kurz seine Augen öffnet. Bestimmt ganz tolle, grenzüberschreitende Kunst aber dafür bin ich dann doch zu sehr Banause. Mit knapp 30 anderen Erwachsendem einem schlafenden Typen zuschauen war schon ermüdend genug aber als dann im direkten Anschluss die Fortsetzung gezeigt wurde (ja genau, das gleiche Szenario am nächsten Tag!!) habe ich den Saal verlassen um mir eine Zigarette zu gönnen. So ein Unfug mag ja als experimentelle Kunst gelten und ganz doll viele Subtexte enthalten, die ich wahrscheinlich nicht verstehe aber hat Andy Warhol das nicht schon vor Jahrzehnten gemacht??

The Anthem (2006)
Als Auftragsarbeit für den König entstanden, läuft dieser handlungsfreie Kurzfilm scheinbar vor jeder Kinovorstellung in Thailand. Mit dynamischer Kamera gefilmt, sieht das Ganze zwar ziemlich gut aus, stellt aber im Endeffekt nur ein kurzes Gespräch zwischen drei Frauen dar, abgelöst von einem interessant abgefilmten Badminton-Training – ein Spiel, das sich in Thailand bekanntlich großer Beliebtheit erfreut. Am Ende drängt sich mir aber nur die Frage auf: Warum das Ganze? Dann doch lieber ein paar unterhaltsame Trailer...

Vampire (2008)
Wie die meisten anderen Filme der Retrospektive findet auch hier keine Handlung statt, die Bilder dieses von Luis Vitton mitproduzierten Films sind ebenfalls digital aufgenommen. In bizarrer Weise setzt sich der dokumentarisch aussehende Kurzfilm mit dem thailändischen Volksglauben an monströse Wesen auseinander, der in einer sehr naiven Form bis heute existiert, vornehmlich natürlich unter der ländlichen Bevölkerung. Die interessante Ausgangssituation wird aber eigentlich nur dafür missbraucht, halbnackte Männer mit Kamera und Taschenlampe durch den nächtlichen Dschungel zu schicken, beschmiert mit ein wenig Tierblut. Um das Ende zu spoilern: Sie werden nicht gefressen... ;)




JAPANISCHE ANIMATIONSFILME

Sparen mit Tasuke Shiobara (1925, 10 min)
Verstaubtes Relikt aus der Urzeit japanischer Animationsgeschichte. Wie so viele andere ist auch dieser kurze Lehrfilm nicht in seiner Originalversion erhalten geblieben. Der eigentliche Stummfilm lag nur nachvertont vor, praktischerweise im japanischen Original ohne deutsche oder englische Untertitel. Kein weiterer Kommentar zu diesem ohnehin vergessenswerten Filmchen...

An Expression (Ein Ausdruck) (1935, 3 min)
Rhythmus (1935, 2 min)
Propagate (Fortpflanzung) (1935, 4 min)
Rhythmische Dreiecke, Kämpfende Karten (1932, 4 min)
Faszinierende Fingerübungen des Experimentalfilmers Shigeji Ogino, der ohne eine professionelle Ausbildung hunderte von Schmalfilme herstellte und schon früh auch in Europa Achtungserfolge erzielen konnte. Ogino ist damit einer der Pioniere des japanischen Animationsfilms, dessen Werke meist eine Auslostung filmästhetischer Möglichkeiten darstellen. Die vier hier erwähnten Kurzfilme sind – jeder für sich – ein Spiel mit menschlicher Wahrnehmung von Bildabfolgen, die hier durch reine Bewegung ausgelöst wird. Die Bilder beziehen sich allein auf sich selbst und funktionieren durch Verscheibung von Formen und Strukturen, sowie durch effektvolle Schnittfolgen. Nur „Propagate“ beginnt mit einer fadenscheinigen Einführung, die an einen Lehrfilm zum Thema pflanzlicher Fortpflanzung erinnert. Schon nach wenigen Bildern wirft der Film seinen Deckmantel aber ab und entpuppt sich ebenfalls als rein formales Experiment, bestechend in seiner simplen Ausführung, bleibt aber dennoch hinter den beiden anderen Filmen zurück. „Rhythmische Dreiecke, Kämpfende Karten“ ist geteilt in zwei Abschnitte, deren Inhalt im Titel wieder gegeben wird, macht aber durch diesen herben Einschnitt in der Mitte der Laufzeit einen weniger einheitlichen und suggestiven Eindruck wie „Rhythmus“ und „An Expression“, die als Höhepunkte gewertet werden können.

Detektiv Felix in Schwierigkeiten (1932, 10 min)
Als einer Frau die Schuhe gestohlen werden wendet sich diese an den Katzendetektiv Felix, der auf den ersten Blick sieht, das es sich um das Werk eines Hundes handeln muss. Die gewiefte Katze macht sich auf den Weg um den Fall aufzuklären und begegnet dabei allerlei wunderlichen Gestalten... In Anlehnung an Felix The Cat entstand diese Detektivgeschichte, die in ihrer surrealen Ausgestaltung und wenig komischen Inszenierung allerdings sehr weit entfernt ist vom originalen Felix. Dieser tritt hier inoffiziell auf, als Blech-Spielzeug in einer fantasievoll dekorierten Umgebung, in der Puppen- und Zeichentrick eine interessante Symbiose eingehen. Ogino garniert auch „Detektiv Felix“ mit einigen netten optischen Highlights, die eigentliche Geschichte wird aber tempoarm erzählt und sehr schlicht zu Ende gebracht, ganz so, als hätte sich Ogino auch hier nur für das Formale interessiert und dem narrativen Aspekt keinerlei Bedeutung geschenkt...

Ein Tag in Hundert Jahren (1933, 11 min)
Der Filmemacher Shigeji Ogino findet sich in einer futuristischen Welt wieder - exakt hundert Jahre nach seinem eigenen Tod. Sein Geist wurde mittels moderner Technik zurück ins Leben gerufen und nun erscheint ihm sein Leben als Rückschau: 1932 war er ein begeisterter Regisseur, zehn Jahre später starb er im Weltkrieg... Shigeji Ogino inszeniert eine existenzphilosohische Parabel und setzt sich selbst in den Mittelpunkt einer dysutopischen, kafkasesken Rückschau auf die nächsten Hundert Jahre. Leider vefolgt der Film seine Fragestellungen nicht intensiv genug und bricht sehr abrupt ab, ohne die interessante Geschichte zu verdichten. Sie dient eher als Aufhänger für eine visuell ansprechend gestaltete Achterbahnfahrt durch einen Albtraum. In seiner nüchternen Machart erinnert er ebenfalls an Kafka, der mit ähnlich gelassener Stimme vergleichbar absurde Situationen kommentiert...

Perot der Schornsteinfeger (1930, 23 min)
Ganz Tom-Tam-Land ist aufgeregt über die Rückkehr des Prinzen in die Hauptstadt Tick-Tack. Auch der fleißige Schornsteinfeger Perot darf sich frei nehmen um die Parade zu Ehren des Prinzen anzusehen. Der von Zügen begeisterte Perot kann sich aber nicht zurückhalten und besteigt den privaten Zug des Prinzen, der ihm durch ein Missgeschick außer Kontrolle gerät und an einem Felsen zerschellt. Für dieses Vergehen verhängt der Premierminister die Todesstrafe über Perot, der als letzten Wunsch einen Blick vom Schornstein über die weite Landschaft wählt. Dort sieht er feindliche Truppen heran nahen und Hals über Kopf steckt das Tom-Tam-Land mitten in einem erbitterten Krieg. Perot, dessen Bestrafung zur Nebensache geworden ist, beteiligt sich eifrig an den erbitterten Kämpfen, doch der Feind ist in der Überzahl. Neue Soldaten müssen her - da erinnert sich Perot an ein Zauberei, das er von einer Taube erhalten hat, die er vor einem gefräßigen größeren Vogel gerettet hat. Das Zauberei entfesselt eine gigantische Armee und das Blatt wendet sich... Atmosphärisch dichter, teilweise sogar poesivoller Silhouettenfilm, der im Scherenschnitt-Verfahren hergestellt ist und eine eigentümliche Stimmung kreiert. Die tragische Antikriegs-Parabel wird durchbrochen von einigen komischen Einlagen, die aus der Unbeholfenheit einiger Bewegungsabläufe entstehen und nicht immer freiwillig erscheinen. Größtenteils anmutig erzählt, mit ebenso skurrilen wie märchenhaften Momenten versehen und in seinem Humanismus durchaus aufrichtig, lässt sich „Perot“ als absoluter Geheimtipp werten.

Drei kleine Bären (1931, 12 min)
Simpel gestrickter und eintöniger Kurzfilm, der ganz ohne Worte und ohne einen Ton Musik auskommt. Die steifen und langsamen Animationen gehen Hand in Hand mit dem verhaltenen Erzähltempo, wobei die pädagogisch sehr einfache Moral hier im Vordergrund steht, auf seine Eltern zu hören. Selbst der Filmhistoriker Akira Tochigi, der die Einführung leitete und anschließend Fragen beantwortete, wusste mit dem Film nicht wirklich etwas anzufangen. Nur aus historischer Sicht noch leidlich interessant als einer der ersten Filme der Japanischen Liga für proletarisches Kino...

Nippon Banzai (Japaner, kämpft!) (1943, 11 min)
Überaus brutaler Propagandafilm, in dem auf versierte Weise Zeichentrick- und Realfilmaufnahmen miteinander verquickt werden. Da werden Frauen und Kinder zu Boden getreten, Soldaten mit dem Bajonett getötet und die beständig bedrohliche Geräuschkulisse ist geprägt vom Lärm des Krieges. In seiner aggressiven Ausprägung rassistischer Klischees vom bestialischen Feind und der grafischen Gewalttätigkeit keineswegs kindgerecht, für einen künstlerischen Ausdruck ist dabei selbstverständlich kein Platz mehr.

Spionageabwehr (1941, 10 min)
Propagandistische Fabel, inszeniert als Warnung vor Verrätern in den eigenen Reihen und feindliche Spione, die ihre Augen und Ohren bekanntlich überall dabei haben. Funktioniert der fantasiereichere Anfang noch als muntere Allegorie (wenn auch äußerst platt vorgetragen), so mündet die Handlung schon nach der Hälfte in eine simple Verfolgungsjagd, deren absurder Verlauf sich deutlich an amerikanischen Vorbildern orientiert, hinter denen aber weit zurück bleibt. Nur selten schafft es der Film, die Möglichkeiten des Zeichentricks für jene Unmöglichkeiten zu nutzen, die man schon aus den frühen Cartoons mit Betty Boop oder auch Micky Maus kennt...

Luftschutz (1942, 10 min)
Ähnlich gestrickt wie „Spionageabwehr“, ist auch dieser Cartoon eine wenig differenzierte, patriotische Pro-Kriegs-Fabel, die es mit munterem Slapstick versteht, auch jüngere Zuschauer zu begeistern. Darüber hinaus kann die Geschichte keine Originalität bieten und ist auch in der drögen Figurenzeichnung meilenweit von den angestrebten Vorbildern entfernt.

Die Verbreitung von Krankheiten (1926, 14 min)
Eintöniger Erziehungsfilm, der vor liederlicher Lebensführung warnt und die Wichtigkeit sorgfältiger Hygiene thematisiert. Unfreiwillig komisch sind nicht nur die staksigen Animationen, auch die personifizierten Bakterien und die einfallslos gestalteten Hintergründe sorgen für den ein oder anderen Schmunzler in einer ansonsten biederen Umsetzung. Immerhin können vereinzelte visuelle Ideen überzeugen, wie die Darstellung des Dialogs in diese Stummfilm: Eine Sprechblase wandert vom Mund des Senders zum Ohr des Empfängers und durchqueren dabei auch die Zimmer einer exemplarischen Wohnung...

Kirschblüten (1946, 8 min)
Im Verzicht auf eine narrative Ebene und in der vollen Konzentration auf die Visualisierung klassischer Musik steht „Kirschblüten“ in der Tradition von „Fantasia“. Hier tänzeln Schmetterlinge durch eine surreal anmutende Traumwelt und werden zum Ausdruck für Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“. Bemerkenswert vor allem in der Eleganz der flüssigen Bewegungsabläufe...

Geschichte vom Muku-Baum (1947, 20 min)
Träumerischer Zeichentrickfilm, dessen zarte Bilder eine romantische Atmosphäre beschwören und den Inhalt eher in den Hintergrund treten lassen. Mit viel Liebe zum Detail ist hier ein außergewöhnlicher aber schwer zu fassender Film entstanden, der eine Wiederentdeckung durchaus lohnt...

Verbrechensvorbeugung (1948, 8 min)
Lehrfilm aus dem Nachkriegs-Japan, der anhand einfach gestrickter Beispiele das Vorgehen der Polizei in Japan rechtfertigt und zugleich Auszubildende anzuwerben versucht. Ohne auf die sozialen Missstände einzugehen pocht der Film extrem oberflächlich auf patriotischen Zusammenhalt. In den sparsam animierten Bildern spiegelt sich eine tiefe Verzweiflung und die kollektive Hoffnung auf eine Wiederherstellung von Ordnung und Normalität...

Ein magischer Federhalter (1946, 11 min)
Wesentlich hochwertiger und weniger plakativ als der oben genannte Auftragsfilm kommt dieser ebenfalls in der schwierigen Nachkriegszeit entstandene Kurzfilm. Durch den magischen Federhalter kann sich ein verwaistes Kind zunächst prachtvolles Essen herbei zaubern und macht sich anschließend an den Wiederaufbau der Ruinen, aus denen die Stadt nur mehr besteht. Direkte Berührungspunkte gibt es nicht zum Zweiten Weltkrieg, jede direkte Nennung von Orten, Feinden oder genauen Geschehnissen bleibt aus. Das sich alles am Ende als Traum heraus stellt ist zwar dramaturgisch die einfachste und wohl auch schlechteste Lösung, kann in diesem Rahmen aber nicht den grundsätzlich positiven Gesamteindruck zerstören. Vielmehr bleibt eine gewisse Traurigkeit, die sich über die kindliche Utopie legt, auch beim Zuschauer zurück, dem ein Happy End vergönnt bleibt.

Prinzessin Bagdad (1948, 48 min)
Unkonzentriert erzähltes und in der Handlungsentwicklung schematisch-vorhersehbares Werk an der Schwelle zwischen Kurz- und Langfilm. Trotz enormer Defizite, sowohl ästhetischer wie auch inhaltlicher Art, überzeugt der mitunter schelmische Humor und die unbeschwerte Adaption des arabischen Märchens, dessen Inhalt natürlich stark verzerrt wird. In seiner restaurierten und rekonstruierten Version sicherlich eine seltene Entdeckung, insgesamt aber nicht mehr als eine Fußnote in der Entwicklung des Genres. Zudem fehlt dem unentschlossenen der entscheidende Rhythmus – zu schleppend entwickelt sich das Geschehen für einen temporeichen Cartoon, für einen abendfüllenden Kinofilm fehlt es an Substanz und erzählerischer Dichte...

Geschichte eines sorglosen Stationsvorstehers (1948, 13 min)
Wenig beeindruckender Lehrfilm, der eigentlich nur eine Botschaft hat: Mach deine Arbeit richtig und sei glücklich dabei. Die Nachlässigkeit des Stationsvorstehers führt nach vielen redundanten Füllszenen schließlich zum Unglück und zwei Züge kollidieren in einem Tunnel. Schlimme Sache, der Film hat mir nichts gegeben – einige nette Gags waren aber schon dabei...

Torachan und seine Braut (1948, 15 min)
Interessant in seiner Betrachtung von traditionellen Wertvorstellungen und modernen Ideen funktioniert die als Fabel erzählte Geschichte als Komödie über Generationskonflikte. Nebenher zeigt er ein ganzes Land im Umbruch, traut sich aber nicht, eine eindeutige Stellung zu beziehen.

Gullivers gute Taten (1950, 9 min)
In deutlicher Anlehnung an „Gulliver's Travels“ aus den Fleischer-Studios zeigt auch dieser Kurzfilm eine gänzlich entpolitisierte, kindgerecht vereinfachte Version einer der vier Reisen des satirischen Romanklassikers von Jonathan Swift. Wenig individuell gezeichnet und in der Figurenanimation noch lange nicht auf amerikanischem Niveau, kündigt der Kurzfilm doch eine neue Ära im japanischen Animationsfilm an. Bis der jahrzehntelange Rückstand aufgeholt war, sollten zwar noch einige Jahre vergehen – dennoch zeigt sich hier eine Hinwendung zur professionellen Herstellung kindgerechter Animationsfilme. Neben den unnötigen Modernisierungen trübt aber der fehlende Sinn für Humor und Musikalität das Vergnügen, das wohl wirklich nur für die kleinsten erdacht wurde. Unter dieser vermeintlich unbeschwerten Oberfläche dient der Film aber auch als Erinnerung an die rechtzeitige Zahlung der Steuern als wichtiger Auftrag für den Einzelnen. Daraus resultiert eine sichtbare Abstufung des Individuums zugunsten des Allgemeinwohls...

Urashima Taro (1952, 2 min)
Anders als „Gullivers gute Taten“ handelt es sich hier um eine originäre japanische Geschichte, die tief in eine Unterwasserwelt führt und dort eine vergessene Stadt, bewohnt von friedlichen Drachen erzählt. Sehr abgehakt und wenig ausführlich erzählt, ist der Film leider zu kurz um die fantasievolle Idee auszuschöpfen, bietet aber eine ganz eigene lyrische Note, die sich nicht an amerikanische Vorbilder anbiedert. Stilistisch orientiert sich „Urashima Taro“ zwar noch stark am naturalistischen Stil der Disney-Filme, macht sich dabei aber erstaunlich gut und gehört mit Sicherheit zu den formal besten Filmen der Retrospektive. Hier wäre aber auch mehr drin gewesen...

Freitag, 3. April 2009

Animierte Kurzfilme: Technological Threat (1988)



Bis zum 17. April bin ich ohne Internet-Anschluss in München, daher wird es bis dahin keine Texte, auch keine Kurzkommentare, geben. Daher wieder mal ein toller animierter Kurzfilm - TECHNOLOGICAL THREAT (ging bei der Oscar-Verleihung leer aus zugunsten des wesentlich schwächeren Pixar-Films TIN TOY) wandelt auf den Spuren von Tex Avery und verbindet dessen anarchischen Stil mit beißender Gesellschaftskritik.
Viel Spaß und nach Möglichkeit bitte auf ofdb bewerten, damit dieser Perle ein wenig Aufmerksamkeit zukommt. ;)

Samstag, 28. März 2009

Animierte Kurzfilme: The Fly (1980)



Sehenswerter Kurzfilm aus Ungarn, Kurzkommentar im unteren Post. Außerdem erster Vertreter einer neuen Blog-Kategorie. Viel Spaß!

Freitag, 27. März 2009

Filmtagebuch: Animations-Kurzfilme



Special Delivery (Kanada, 1978) Oscar-prämiert
Schwer makaberer Humor, präsentiert von einem sarkastischen, trockenen Voice Over. Fintenreich entwickelt sich der skurrile Plot völlig gegen den Strich gebürstet und vermag es, selbst abgebrühten Zuschauern einige erstaunliche Wendungen und Ideen aufzutischen. Dabei ist die Selbstverständlichkeit, mit der der Film seinen abgründigen Humor funktionieren lässt, ebenso unbequem wie erheiternd. Bis zum Schluss bleibt der 7-minütige Film unberechenbar, die betont einfachen, sparsam animierten und kindlich-harmonischen Zeichnungen kontrastieren den tiefschwarzen Inhalt sehr effektvoll...(8,5/10)

Every Child (Kanada/Frankreich, 1979) Oscar-prämiert
Sowohl technisch als auch erzählerisch sehr einfach gestrickt, humoristisch eher zahnlos und in seiner Verbindung zwischen Real- und Zeichentrickfilm recht dröger Kurzfilm, der aber über eine elegante atmosphärische Gestaltung Pluspunkte sammeln kann und letztlich auch seine zuckersüße Stimmung transportieren kann. Aufgrund der holprigen Machart und der wenig einprägsamen, trivialen Geschichte unterm Strich aber nur Durchschnitt...(05/10)

The Fly (Ungarn, 1980) Oscar-prämiert
Exakt durchkomponiertes, perfekt animiertes kleines Meisterwerk aus Ungarn. Sogar zu einer Hommage bei den Simpsons hat es dieser atmosphärisch einzigartige, beklemmende und verstörende 3-minütige Kurzfilm gebracht. Die gesamte Zeit folgt die Kamera der subjektiven Sicht einer Fliege, die neugierig umher fliegt und die es in ein Haus verschlägt, wo sie schließlich ihren gewaltsamen Tod findet. Die stark verfremdete „Fliegensicht“ auf die vertrauten Dinge zieht augenblicklich in ihren Bann und wird von der summenden Soundkulisse entsprechend verfeinert. Suggestiv, vieldeutig und nach einmaliger Sichtung garantiert auf ewig ins Hirn gebrannt... (09/10)

Tango (Polen, 1981) Oscar-prämiert
Intensive filmische Collage aus über die Funktionalität animierter Bilder wie über die Isolation des (postmodernen) Menschen. Überlegt konstruiert der Film eine schon bald hypnotisch anmutende Bildfolge, in deren Verlauf sich weder Kameraeinstellung noch musikalische Untermalung oder die Kulisse ändert. In faszinierender Gleichmäßigkeit füllt sich der Raum bis hin zur totalen Unübersichtlichkeit – ein Ereignis läuft neben dem anderen her, ohne das eine gegenseitige Wirkung sichtbar wird. Fraglos ein tiefsinniges gedankliches Konstrukt, das im strengen visuellen Konzept eine gewisse Ordnung findet und trotz aller Komplexität somit begreifbar wird...(8,5/10)

The Great Cognito (USA, 1982) Oscar-nominiert
Lauter, mit großer Kreativität und enormem Aufwand produzierter Kurzfilm, der sich durch einen burlesken Ton auszeichnet mit grandiosem Voice Acting glänzt. Neben dem witzigen aber überreizendem Wortschwall verlangt die kompliziert eingesetzte Claymation-Technik große Aufmerksamkeit um entsprechend gewürdigt zu werden. Trotz der formal exzellenten Machart kommt der anti-narrative Film anstrengend und leicht überladen daher, gefällt aber zumindest oberflächlich...(6,5/10)

Sundae in New York (USA, 1983) Oscar-prämiert
Charmantes Mini-Musical, das im Claymation-Look dem Zauber des alten Hollywood nachweint, dies aber mit gediegenem Witz und einer liebevollen Verbeugung vor dem Big Apple. Dennoch einer der schwächeren hier besprochenen Animationskurzfilme, wenn auch sehr gestenreich und überhaupt etwas over-the-top inszeniert...(5,5/10)

Charade (Kanada, 1984) Oscar-prämiert
Vor absurdem Witz sprühender Cartoon um Method Acting, ignorante Jury-Mitglieder und fragwürdige Casting-Entscheidungen – eigentlich auch über die ganze Absurdität der Filmbranche an sich. Durch verspielten visuellen Ideenreichtum bekommt der Kurzfilm den gewissen cartoonesken Touch, der dem Gros vergleichbarer Produktionen fehlt. In seiner spöttischen Unbekümmertheit ein sympathischer und außerordentlich witziger Film...(7,5/10)

Anna & Bella (Niederlande, 1984) Oscar-prämiert
Sentimental aber nie verklärend, sehr süß ohne Zahnschmerzen zu verursachen, ergreifend animiert doch niemals billig verkitscht. Die einfalls- und detailreich bebilderten gemeinsamen Erinnerungen zweier inzwischen greiser Schwestern sind zwar anrührend erzählt und profitieren von einem ganz eigenen, verschrobenem Charme – THE BIG SNIT ist aber der bessere Film und hat vielleicht wegen seiner gewagten Thematik gegen diesen doch sehr harmlosen, schrullig-schönen Film den Kürzeren gezogen...(07/10)

Een Griekse Tragedie (Belgien, 1985) Oscar-prämiert
Einziger enttäuschender Kurzfilm der Kompilation THE WORLDS GREATEST ANIMATION, der zwar in schöne handgefertigte Zeichnungen gekleidet ist, im Gegensatz zu den anderen Vertretern der Zusammenstellung aber so gar nichts zu vermitteln weiss. Die heitere Grundstimmung nutzt sich genau wie der immer wieder variierte Gag schnell ab und hinterlässt nicht viel beim Zuschauer. Leider sehr nichtssagend, vielleicht ist aber auch einfach der Funke nicht über gesprungen. Selbst der sehr simple LUXO Jr. hat mir da besser gefallen aber Pixar hat ja genug Oscars nachgeholt...(04/10)

The Big Snit (Kanada, 1985) Oscar-nominiert
Noch vor dem legendären Zeichentrick-Downer WENN DER WIND WEHT thematisiert Regisseur Richard Condie hier die Angst vor einem nuklearen Holocaust. Ungemein clever inszeniert er einen überhöhten, hysterischen privaten Streit vor dem Hintergrund der Eskalation des Kalten Krieges. Was als hintersinnige Karikatur auf die Kalter-Krieg-Paranoia beginnt, kulminiert schließlich in einem existentialistisch angehauchtem Traumbild, das in seiner Aufrichtigkeit wahrhaft zu erschüttern weiß, ohne jemals aufdringlich den Zeigefinger zu schwingen. Gerade der ruppige und bewusst irritierende Stilbruch zeichnet diesen zutiefst humanistischen und ehrlichen Film aus, der noch lange nach dem Abspann nachwirkt...(7,5/10)

Crac (Kanada, 1987) Oscar-prämiert
Komplexes, folkloristisches filmisches Gedicht aus sinnlichen, sehr weichen Zeichnungen. Versehen mit einer wunderbar melancholischen Schlusspointe und einer formell sehr ausgereiften Filmsprache. Wunderschönes Kleinod, unterlegt mit feinfühliger Musik und getragen von einer beachtlichen gedanklichen Tiefe... (08/10)

Your Face (USA, 1987) Oscar-nominiert
Ein kleines Meisterwerk von Groening-Vorbild Bill Plympton, in dem er seinen Hang zum Surrealismus voll ausspielt. Ein Gesicht vor leerem Hintergrund, das ein bizarres Lied vorträgt, reicht Plympton als Spielwiese für exorbitanten mimischen Anarchismus. In ständig fortlaufender Bewegung verändern sich die Gesichtszüge auf unbeschreibliche Weise. Ein in seiner kunstvoll arrangierten Flüssigkeit bemerkenswerter Kurzfilm, dessen visueller Einfallsreichtum immer wieder zu verblüffen vermag...(09/10)

Technological Threat (USA, 1988) Oscar-nominiert
Sowohl in der Figurenzeichnung als auch in der Hochgeschwindigkeitsinszenierung eine Hommage an die Animationslegende Tex Avery, auf dessen scharfkantigen Stil auch die Hintergründe und Bewegungsabläufe bewusst hinweisen. Sowohl als Erinnerung an die klassischen Werte des Cartoons, deren viele Gesichter niemals ausgeschöpft sein werden, als auch als eigenständige, gesellschaftskritische Satire äußerst gelungen. Der anarchische Slapstick trifft in den besten Szenen genau in die gleiche Kerbe wie die ätzend-süffisant vorgetragene Kritik an der zunehmenden Wegrationalisierung des Menschen, leider gegen Ende ein wenig ausgefranst und zu wenig auf den Punkt gebracht...(07/10)

The Cat Came Back (Kanada, 1988) Oscar-nominiert
In der Tradition klassischer Chase-Cartoons gestalteter Kurzfilm, der nicht viel um politische Korrektheit und sauberen Witz gibt, stattdessen einen beschwingte Musikalität an den Tag legt. Viel mehr wird die aberwitzige Gewalttätigkeit des Genres heraus beschworen und in betont grobschlächtigen Zeichnungen zelebriert. Auf den Punkt gebrachte Figurenanimation und eine sich geschickt steigernde Gagfolge verdichten sich zu einem bösen Spaß für Erwachsene. Zudem ist der titelgebende Song, der sich als Leitmotiv durch den ganzen Film zieht, gefällig komponiert, eingängig und als akustische Klammer virtuos eingesetzt...(7,5/10)

Tin Toy (USA, 1989) Oscar-prämiert
Der erste Oscar für Pixar und zwar völlig unverdient – sowohl THE CAT CAME BACK als auch TECHNOLOGICAL THREAT sind sowohl handwerklich als auch inhaltlich TIN TOY weit überlegen. Schon die grässliche Darstellung des menschlichen Babys macht den Film hässlich, katastrophal gealtert ist er dazu und die Bewegungen sind noch zu steif um wirklich zu überzeugen. Trotz all seiner Fehler kann TIN TOY mit einigen netten Ideen und einer tieferen Bedeutungsebene hinsichtlich der destruktiven Beziehung des Kindes zu seinem Spielzeug, wobei letzteres als Protagonist auftritt. Viele Aspekte nehmen jene Ideen vorweg, die in TOY STORY schließlich künstlerisch adäquat umgesetzt wurden...(5,5/10)

Balance (Deutschland, 1989) Oscar-prämiert
Herausforderndes, kafkaeskes Stück filmischer Existenzphilosophie und als Beitrag zur bildenden Kunst ebenso wertvoll wie als unterhaltender Kurzfilm. Die etwas steifen Bewegungsabläufe und die damit etwas ungelenke und leblose Visualität sind unbedeutende, verschwindend geringe Kritikpunkte angesichts der hier dargebotenen universell gültigen Parabel den menschlichen Hang zu Materialismus, Egozentrik und die Sackgasse, in der die menschliche Natur das Individuum führen kann. In erbarmungslos gleichmäßiger Ruhe entwickelt sich ein Miniatur-Drama, das die reizvolle Grundidee konsequent auszuspielen vermag, ohne dabei intellektuell überladen zu wirken. Schon die Gleichgültigkeit, in der die Figuren mimisch verharren und ihre zögerlichen, unbestimmten Handlungen erzeugen eine nur schwer verdauliche atmosphärische Dichte. Zudem bietet der Film mannigfaltige Bedeutungsebenen und kann sowohl soziologisch als auch politisch interpretiert werden. Verdienter Oscar...(8,5/10)

Creature Comforts (Großbritannien, 1989) Oscar-prämiert
Der famose Einstieg für Nick Park in eine Traumkarriere und der erste von bisher vier Oscars. Ähnlich wie seine Kultfiguren Wallace und Gromit very british und im gleichen Verfahren entwickelt. Die Stop-Motion-Technik macht hier bereits einen sehr ausgereiften und versierten Eindruck, stimmige Bewegungen und exakte mimische Gestaltung erwecken die Knetfiguren überzeugend zum Leben. Der trockene Humor resultiert aus der Ernsthaftigkeit, in der die Tiere Englands ihre jeweiligen Lebensumstände kritisch kommentieren. Ohne eine eigentliche Geschichte zu erzählen, behält der Film konsequent seinen Stil bei und ist durchgehend als Mockumentary in Szene gesetzt. Sehr amüsant aber auch nachdenklich und von einer gewissen Traurigkeit bestimmt, kann Parks Erstling (der mehr als zehn Jahre später einen Ableger in Form einer TV-Serie nach sich zog) heute noch überzeugen, auch wenn die intelligente Grundidee noch mehr hergegeben hätte...(07/10)

The Chubbchubbs! (USA, 2002) Oscar-prämiert
Der Film unterwandert das allgemein gepflegte Niedlichkeitsprinzip a la Disney, Pixar, DreamWorks und Co. Sehr geschickt, indem er sich der gleichen knuddeligen Ästhetik bedient, diese aber in einem unerwarteten Schlussgag ironisch aufbricht. Außerdem wird dem Zuschauer eine clevere Verbeugung vor dem originalen WAR OF THE WORLDS geboten, das wesentlich subtiler als gewohnt in die Handlung eingebettet wird, ohne aufdringlich heraus gestellt zu werden. Im übrigen bietet dieser erste Animationsfilm von Sony Pictures Imageworks eindrucksvolle Animationen auf hohem Niveau, durchgängig am Computer erstellt. Viel mehr als ein netter Gag ist der Film dann aber doch nicht...(07/10)

The Danish Poet (Norwegen/Kanada, 2006) Oscar-prämiert
In warmen Farben gehaltener, leise und geduldig erzählter Film, der eine traurig-romantische Stimmung kreiert, dem metaphysischen Aspekt der symbolträchtigen Story allerdings ein wenig zu viel Aufmerksamkeit widmet und daher ein auch religiös-verbrämt gelesen werden kann. Dennoch erstaunlich, wie der Film das Grafische hervor hebt und seine zweidimensionalen Bilder sehr streng stilisiert. Die großartige Liv Ullmann spricht einen sehr ausdrucksstarken und sensiblen Kommentar und übernimmt auch die wenigen gesprochenen Sätze aller Figuren. Was zunächst befremdlich wirken mag entwickelt seinen ganz eigenen, einnehmenden Charme und trägt maßgeblich zum Gelingen des Films bei, der mit seinen kindlichen, einfachen Animationen sowohl Sony als auch Disney und Pixar ausstechen konnte...(07/10)

Oktapodi (Frankreich, 2007) Oscar-nominiert
Nicht viel mehr als eine stilistische, verspielte Fingerübung – schon die Nominierung dieses französischen Filmchens scheint etwas überzogen, angesichts der mangelnden inhaltlichen Tiefe. Zwar können die (durchweg computergenerierten) Bilder überzeugen und durchaus neben der übergroßen Konkurrenz bestehen, die scharfen Pointen eines Pixar-Kurzfilms (in deren Tradition OKTAPODI eindeutig steht) bleiben aber weitestgehend aus. Die unkonzentrierte Dramaturgie findet keinen runden Abschluss, sodass selbst die tollen Farben und gelungenen Minenspiele der Figuren (in den etwas mehr als zwei Minuten wird auf Dialog verzichtet) nicht über den fehlenden Feinschliff hinweg täuschen können. Für die Academy ein überraschend oberflächlicher Beitrag, dessen gelungene Tricktechnik dennoch eine ansehnliche Visitenkarte für die Macher darstellt...(5,5/10)