Dienstag, 25. August 2009

Dolemite (1975)



Ein imdb-User hat „Dolemite“ als den „Plan 9 des Blaxploitation-Kinos“ bezeichnet. Kein uninteressanter Gedanke, der auch sinnvoll weitergeführt werden kann. So könnte man Rudy Ray Moore als Blaxploitation-Version von Ed Wood begreifen, denn bei oberflächlicher Betrachtung zeigen sich auffällige Gemeinsamkeiten im filmischen Schaffen der beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten. Beide stecken eigenes Geld, kostbare Zeit und Herzblut in ihre Projekte, beiden mangelt es klar ersichtlich an Finesse und Talent, beide wurden mitsamt ihrer Ideen von den großen Studios abgeschmettert. Der künstlerische Background ist es, der die Filmemacher voneinander abgrenzt, ohne hier einen von beiden als 'besser' bezeichnen zu wollen. Rudy Ray Moore war einer der ersten schwarzen Bühnen-Komiker überhaupt in den Vereinigten Staaten – schon in den 50er-Jahren hatte Moore große Bekanntheit erlangt und veröffentlichte seine Bühnenprogramme auf Schallplatten. Auch seine weniger erfolgreiche Karriere als Musiker verfolgte er hartnäckig, während er zu einem großen Einfluss wurde für Komikerlegende Richard Pryor – allerdings kam er nie zu dessen kommerziellen Erfolg. Auch wenn größere Skandale ausblieben und der Comedian auf der Bühne nach Herzenslust vom Leder ziehen durfte, war er für Film und Fernsehen einfach zu derb und politisch unkorrekt.



„Dolemite“ ist eine One-Man-Show, in deren Mittelpunkt Rudy Ray Moore steht – als Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion ist der Film ganz auf ihn zugeschnitten. Da kein großes Studio an dem Projekt interessiert war, war dieses Engagement nötig für Rudy Ray Moore, der sich so einen Traum von der eigenen Kino-Hauptrolle selbst erfüllte. Und es soll keineswegs verschwiegen werden, das „Dolemite“ ein hundsmiserables Machwerk gewordenist, einen wahren Bastard lässt Moore hier auf sein Publikum los: Stümperhaft geschnitten, bis in die kleinste Nebenrolle grauenerregend gespielt, dramaturgisch ein schlechter Scherz. Eigentlich stimmt so rein überhaupt nichts an „Dolemite“ und gerade diese Unbedarftheit, diese fast schon kindliche Ignoranz in Bezug auf Technik (wo man wieder bei Ed Wood wäre) machen den Film so unverschämt sympathisch. Und natürlich Rudy Ray Moore, der hier eine Paraderolle etablierte, die bis heute Kultstatus genießt: Den Zuhälter Dolemite – ein harter Brocken, der nur die nötigsten Sätze spricht, jeden umlegt, der ihm blöd kommt und sich vor willigen Frauen kaum retten kann. Diese Kunstfigur wirkt von der ersten Minute an so überzeugend, weil Rudy Ray Moore sie bereits viele Jahre zuvor entwickelte und zum Gegenstand seiner Stand-Up-Programme gemacht hatte.



Dieser Dolemite ist eine schrille Karikatur, die alle Blaxploitation-Klischees in sich vereint – immerhin war der „Pimp“ ein wichtiger und populärer Charakter-Typ innerhalb des Genres. Während die Martial-Arts-Einlagen in Filmen wie „Three The Hard Way“ an der schwachen Choreographie leiden und nicht an den mangelnden Fähigkeiten eines Jim Kelly, sind die Kampf-Szenen (wie so vieles andere auch) reine Parodie. Hölzern und ohne jede sichtbare Körperlichkeit, dient dienen sie ausschließlich der Belustigung – besonders aufgrund der Tatsache, das Rudy Ray Moore im Gegensatz zu Jim Kelly über keine echten artistischen Fähigkeiten verfügt.

Wo sich Filme wie „Superfly“ noch an einem moralischen Konflikt versuchten, stellt „Dolemite“ die Handlungen seiner Hauptfigur nicht in Frage. Der Pimp ist hier ein Freund des Volkes, beliebt bei den armen Ghetto-Bewohnern und in friedlicher Ko-Existenz mit den für ihn arbeitenden Huren lebend. An einer realistischen Darstellung ist Regisseur D'Urville Martin (vor der Kamera als Willie Green zu sehen) ohnehin nicht interessiert – sein Film ist die endgültige Entpolitisierung des Blaxploitation-Genres. Dolemite, dem grundsätzlich keiner ans Bein pissen kann, hat keine Probleme mit seiner Identität, mit rassistischen Vorurteilen oder Benachteiligungen. Dieser Typ nimmt sich was er will, fragt nicht nach Erlaubnis, bittet schon gar nicht um Entschuldigung. Ein typischer „Badass-Nigger“ also, nur mit dem Unterschied, das sich Dolemite nicht mit realen Problemen auseinander setzen muss – die Auflehnung gegen die weiße Tyrannei wird hier nicht zum Thema gemacht. Auch in seinen späten Interviews betonte Rudy Ray Moore immer wieder, das er niemals Schwierigkeiten wegen seiner Hautfarbe hatte. Aussagen wie diese mögen euphemistisch erscheinen, verdeutlichen aber die Distanzierung von politischen Diskursen.



Wie auch immer, Dolemite wird jedenfalls von den Behörden aus dem Gefängnis geholt weil er als Milieu-Kenner und Kampfsport-Supermann kräftig aufräumen soll in der Stadt. Selbst die Justiz (bei der er verständlicherweise keinen guten Ruf hat, angeblich würde kein Anwalt der Stadt seinen Fall aufnehmen) erkennt den populären Pimp also als das kleinere Übel an und tatsächlich haben sich die Umstände verschlechtert in den Slums. Leider spielt die auf dem Plakat angekündigte „All-Girl army of Kung Fu Killers“ eine kaum nennenswerte Rolle – was sich nicht gerade über die Garderobe der Hauptfigur sagen lässt. In beinahe jeder Szene trägt Dolemite ein anderes Outfit, eines schriller und extrovertierter als das andere. Nicht umsonst nennt Rapper Snoop Dogg (ebenfalls für ungewöhnliche Pimp-Kleidung bekannt) Rudy Ray Moore als entscheidende Inspirationsquelle. Mit selbstverständlichem Stolz trägt Moore jedes noch so abgefahrene Outfit und verleiht seinem Charakter bei aller Lächerlichkeit noch eine Würde, welche die Komik um die Figur zusätzlich begünstigt.



Bei allem Vergnügen, das der Film zweifelsfrei bereite kann, ist er doch nicht im klassischen Sinn 'unterhaltsam' – zu sprunghaft und zerfahren wird der Feldzug von Dolemite erzählt, ohne jede Konzentration auf einen übergreifenden Spannungsbogen. Immer mal wieder landet Rudy Ray Moore mit verschiedenen Frauen im Bett, ermittelt nebenbei ganz lässig und schüttelt hin und wieder einen Feind ab. Gegen Ende befindet er sich in seinem Element als er in einem Nachtclub ein Publikum unterhält und seine Entertainer-Muskeln spielen lässt. Doch betrachtet man die einzelnen gelungenen Szenen in ihrer Gesamtheit, fehlt es deutlich an Drive. Unterm Strich ist „Dolemite“ daher eine seltene und sehr obskure Mischung aus gewolltem und unfreiwilligem Humor, aus gelungener Stilisierung und katastrophal missglückter Technik. Echt komödiantisch funktioniert die von Rudy Ray Moore verkörperte Hauptfigur, ihre alberne Kampfkunst, inklusive der ausgeflippten Garderobe und dem gänzlich bescheuerten Umfeld. Die dilettantische Inszenierung erklärt den Film dann aber andererseits zu reinrassigem Trash, für den man unbedingt ein Faible mitbringen muss, um ihn zu goutieren. Die wesentlich bessere Fortsetzung „The Human Tornado“ spielt dann aber schon in einer ganz anderen Liga...

4,5/10

Der Trailer als Vorgeschmack:



Zudem scheint es den Film derzeit auf youtube in voller Länge zu geben. Hier der erste von neun Teilen. Bei Interesse dann weiter zusammen suchen - Bild- und Tonqualität ist sehr gut und wesentlich besser als im Trailer...

Kommentare:

  1. Happyhappyharry!

    Erst mal Glückwunsch zu Deinem Blog. Feine Sache, inhaltlich und textlich (die Farbgestaltung lassen wir mal außen vor).

    Danke vor allem, daß Du mich an Dolemite erinnert hast. Sah den letztens im Kino in einer Trailerrolle, hatte aber nicht vermutet, daß es ihn auf DVD geben würde. Scheinst eh eine gewisse Affinität zu Blaxploitern zu haben, oder? Dann kannst Du sicherlich (im Gegensatz zu 99.99% der Menschheit) was mit Welcome Home, Brother Charles aka Soul vengeance anfangen. Die DVD ist ... ähm, einmalig. In mehrfacher Hinsicht.

    P.S.: Das Abfragewidget funktioniert nicht in Firefox. Wegen meiner IE-Allergie wird das wohl deshalb mein einziger Beitrag bei Dir bleiben. :(

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  2. Schön, das du dich auf meinen Blog verirrt hast und vielen Dank für deine lobenden Worte. Die farben lasse ich irgendwann mal von jemandem einstellen, der Geschmack hat... ;)

    Die DVD ist nicht einmal teuer und fliegt immer wieder bei ebay rum. Kannst dich aber erstmal auf youtube überzeugen, ob sich die Investition für dich lohnt. "Brother Charles" kenne ich tatsächlich - hatte sogar vor, was zu dem Film zu schreiben. Erstmal wollte ich aber ein Blaxploitation-Fundament setzen mit Texten zu Melvin van Peebles und Rudy Ray Moore.

    Zu dem Abfragewidget: Was funktioniert denn da nicht? Ich selbst benutze auch Firefox und nicht den Explorer...

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  3. Aber bitte nicht von IG Farben. Die haben mehr als nur ein Geschmackproblem.

    Bei der DVD muß ich nicht lange überlegen. Der Trailer war schon eine Granate (eine unter mehreren - da gab es auch einen hübschen, in dem sich die Armeen mit Minihubschraubern beschossen haben). Hoffe dann mal, daß Brüderchen Karls Mordgerät demnächst hier blumig beschrieben wird.

    Die Abfrage entsorgt meine Kommentare immer ins Nirvana, egal ob ich Anonym oder Name/URL auswähle. Auch Copy/Paste funktioniert nicht im Abfragefenster. Das tritt ebenfalls bei Mr VincentVega auf, aber sonst nicht bei Blogspot - deshalb meine Vermutung, es liegt am Abfragewidget. Aber ich vermute mal, Du kannst auch ohne mein Gesuppel gut weiterleben.

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  4. Wenn dann lasse ich nur Bekannte daran, die bereit sind, für ein Six-Pack Bier zu arbeiten. :)

    Stimmt, "Dolemite" ist schon eine Granate, wird aber vielfach übertroffen von "The Human Tornado". Die Mini-Hubschrauber sagen mir jetzt nichts, aber ich werde versuchen Brother Charles eine angemessene Review zu verpassen... ;)

    Zu den Kommentaren: Klar kann ich ohne leben aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, mich nicht über jeden Kommentar zu freuen. Von daher interessieren mich natürlich diese technischen Probleme - vielleicht haben die ja auch tausende andere, die gerne mein Ergüsse kommentieren möchten. ;)

    Spaß beiseite, ich werde mal sehen, ob es da Alternativen gibt. Allerdings habe ich keine Ahnung von Computern und muss daher ganz dumm fragen: Geht es hier um die eigentliche Kommentarfunktion oder um den Gadget links, der die letzten Kommentare anzeigt?

    Letzteren könnte man bestimmt austauschen, da wird es wohl Alternativen geben. Ist halt sehr hilfreich, wenn ältere Beiträge kommentiert werden, die man vielleicht nicht mehr regelmäßig nach Kommentaren absucht...

    Und danke für die Verlinkung bei dir.

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  5. Harryganzweich!

    Nee, es geht um die Kommentarfunktion. Die hier, in welche ich gerade den Text eintrage. Weil das eigentlich für die Öffentlichkeit so langweilig ist, wollte ich Dir eine Email (HarryBlog@web.de aus Deiner VK) senden, aber die kam als unzustellbar zurück. Mit der modernen Technik geht eben alles viel schneller.

    Wenn ich hier Name/URL oder Anonym eingebe, wird der Text gelöscht und
    springt auf Ausgangsstellung. Kann natürlich auch sein, daß irgendein
    Add-On in Firefox damit interagiert. Ich habe mal wahlweise AdBlock und
    NoScript ausgeschaltet, das Problem bleibt aber bestehen. Im übrigen tritt auch bei IE häufig die Fehlermeldung " Ihre Anfrage konnte nicht verarbeitet werden. Bitte versuchen Sie es erneut." auf. Die Möglichkeit
    bestünde natürlich, sich ein Fakeblog bei Blogspot anzulegen, aber
    soweit geht meine Liebe zu Deinem Blog dann doch nicht.

    Noch nicht. Kann sich ändern, wenn ich mir die letzten Filmreihen so
    anschaue. Finde auch sehr sympathisch Deine Top10 Liste bei Filmforen.
    Barry Lyndon auf 2, Les quatre cents coups auf 5, Mon Oncle auf 6
    und Duck Amuck auf 9 stimmt sowohl von der Wichtung als auch von der
    Variabilität. Nicht meine Liste, aber eine nachvollziehbare. Beim
    nächsten Trickfilmmarathon dann mal einen Tex Avery berücksichtigen? Das
    wäre fein.

    So, genug gebullshitet. Jetzt: Leben. Danke.

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  6. Das wär dann ja jetzt geklärt. Sorry, aber kenne mich mit den Begrifflichkeiten überhaupt nicht aus. Vielleicht sind deine Erklärungen ja doch von Interesse für die restlichen Leser - bist ja bestimmt nicht der einzige, mit diesem Problem und bei From Beyond hattest du ja die gleichen Schwierigkeiten...

    Falls du mal eine Frage oder eine dringende Anmerkung haben solltest kannst du mir ja eine PN bei filmforen schicken. Schaue hin und wieder mal rein aber an sich ist mir einfach zu wenig Bewegung dort...

    Zu einem Tex Avery Cartoon will ich schon länger was schreiben, mal sehen ob ich das hinkriege. Erst kommt aber noch eine Kleinigkeit zu Bruno Bozzetto...

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