Donnerstag, 6. August 2009

Review-Reihe: Blaxploitation

Nach meiner Animationsfilmreihe (schließe ich morgen oder übermorgen mit WEST AND SODA ab) mal was ganz anderes: Drei schmissige Blaxploitation-Streifen und mal nicht die allseits bekannten wie SHAFT, SUPERFLY oder FOXY BROWN...

Don't Play Us Cheap (1973)


Ein Musical vom Begründer der Blaxploitation-Strömung, Melvin van Peebles. Der hatte noch Ambitionen und vor allem was zu sagen, gehört nicht in die Trash-Schublade...

Three the Hard Way (1974)


Die hinreißend größenwahnsinnige Storyline spricht für sich, treibt alle Blaxploitation-Klischees auf die Spitze, wartet mit einem All-Star-Cast auf und sich nimmt sich scheinbar auch noch selbst ernst...

Dolemite (1975)

Das Schauspiel-Debüt des Komikers und Musikers Rudy Ray Moore, der die in den Blaxploitern gepflegten Klischees schon auf der Bühne dankbar als Stand-Up-Programm verarbeitet hatte und seine Kunstfigur "Dolemite", einen Kung-Fu kämpfenden Pimp, erfolgreich ins Kino bringt...

Mister Feuerstein lebt gefährlich (1966)



Plot: Der Geheimagent Rock Slag wird von Gangstern verfolgt und durch einen Sturz aus großer Höhe vermeintlich ausgeschaltet. Als hart gesottener Profi ist er aber nur verletzt und wird ins Krankenhaus von Bedrock eingeliefert. Zur gleichen Zeit bereiten sich Fred Feuerstein, sein bester Freund Barney und ihre Frauen auf den anstehenden, gemeinsamen Urlaub vor – als Fred und Barney die Tiere zum Gewahrsam beim Tierarzt gebracht haben, nimmt Fred eine gefährliche Abkürzung und baut prompt einen Autounfall – er wird zur gleichen Zeit ins heimische Krankenhaus gebracht wie Rock Slag, dem Fred zu allem Überfluss ähnelt wie einem Zwillingsbruder. Hier wird der Chef von Rock Slag auf diese Ähnlichkeit aufmerksam und unterbreitet Fred das Angebot, den verletzten Rock im Kampf gegen den Super-Verbrecher „Die Grüne Gans“ zu ersetzen.

Begeistert von der Idee, ein aufregendes Leben als Agent zu führen und im Auftrag der Regiseung Verbrecher zu stellen, nimmt Fred an, zumal sämtliche Spesen bezahlt werden. Die Reise führt ihn nach Paris und Rom – der geplante Camping-Trip mit Freunden und Familie wird nun ersetzt durch diese große Reise. Allerdings hat Fred geschworen, seine Mission streng geheim zu halten und ist daher hin und her gerissen zwischen Urlaub und verdeckter Verbrecherjagd...




„The Man Called Flintstone“ ist ein Kinofilm um die Familie Feuerstein, nach Einstellung der Serie so etwas wie ein Abschiedsgeschenk für die Zuschauer, aber auch für die Figuren, die schon zu diesem Zeitpunkt fester Bestandteil amerikanischer Popkultur waren. William Barbera und Joseph Hanna inszenierten damit ihren zweiten Langfilm nach „Hey There, It's Yogi Bear“ und beweisen erneut, das Spielfilm-Dramaturgie überhaupt nicht ihre Domäne ist. Nach jahrelanger erfolgreicher Arbeit bei MGM, in denen das Duo fast ausschließlich mit der eigenen Reihe um Tom und Jerry beschäftigt war, glückte ihnen mit dem Aussterben des Kino-Cartoons mühelos der Übergang in das neue Medium Fernsehen. Rasch gelangen Erfolge wie „Yogi Bär“, „Die Jetsons“, „Scooby-Doo“ und viele weitere Kult-Serien, in denen das Kreativ-Duo seine größte Stärke ausspielen konnte: die Charakterentwicklung einprägsamer und sympathischer Figuren mit hohem Identifikationsfaktor. Über allen Arbeiten, die Hanna und Barbera nach ihren MGM-Jahren für das Fernsehen entwickelten, nimmt bis heute die Familie Feuerstein einen herausragenden ersten Platz ein. Bis Matt Groening Jahrzehnte später mit den anarchischen Simpsons alle Rekorde brechen sollte, waren die „Flintstones“ lange Jahre die erfolgreichste Zeichentrickserie überhaupt. Mit einem Kinofilm nach fünf überaus erfolgreichen Staffeln einen würdigen Abschluss zu präsentieren, misslingt gründlich, einfach weil das 20-minütige Format der Serie so gar nicht mit den Normen eines Langfilmes zu vereinbaren ist.

Nach einem gelungenen Vorspann, der ganz im James-Bond-Stil gehalten ist und sogar mit dem brillanten Titelsong eine elegante Analogie schafft zu eben jener Filmreihe, macht bereits die folgende Eingangssequenz klar, das man es nicht mit einer gewöhnlichen Storyline aus Bedrock zu tun hat. Fred Feuerstein hängt lässig zwei zwielichtige Gestalten in einer rasanten Autoverfolgungsjagd ab, in der bereits die aus den Bondfilmen bekannten technischen Gimmicks zum Einsatz kommen, hier in Form von integrierten Steinschleudern und extrem biegsamen Karosserien. Am Ende der Szene wird klar, das es sich um einen Doppelgänger handelt, der darüber hinaus als berüchtigter Geheimagent tätig ist – auch die anschließende Verwechslungsgeschichte inklusive der international agierenden Organisation, welche die gesamte Welt bedroht ist eine akkurate und in sich funktionelle Parodie auf James Bond. Über Referenzen und Zitate kommt der gesamte Film dann aber nicht hinaus, es fehlt Eigenständigkeit, das rechte Tempo und ein Spannungsbogen als Fundament der auf Dauer eher drögen Story.



Neben dem bereits erwähnten Titel-Thema, das auch instrumental während des Films erklingt, sind auch ganz und gar deplatzierte Gesangseinlagen eingebaut, die weder atmosphärischen noch dramaturgischen Sinn ergeben. Diese Szenen fühlen sich an wie Fremdkörper und wollen sich überhaupt nicht in die Konzeption des restlichen Films einfinden, funktionieren platt gesagt als Füllmaterial um die Laufzeit auf stramme 90 Minuten zu hieven. Spätestens wenn dann selbst die Babys Pebbles und Bam-Bam ein süßliches Liedchen anstimmen und durch eine verkitschte Traumlandschaft schweben wird klar, das nicht viel übrig ist vom mitunter derben Charme der Serie. Viele einzelne Episoden hatten inhaltlich eine bessere Grundlage, ein würdiger Abtritt sieht ganz anders aus – dementsprechend verhalten war der Erfolg an den Kinokassen, in den Folgejahren entwickelte sich der Film dennoch zum Evergreen im amerikanischen Fernsehen; also dort, wo der Film eigentlich von Anfang an hingehört hätte. Für einen Kinofilm ist der Plot einfach zu wässrig und unergiebig, ein 60-minütiges TV-Special mit der gleichen Geschichte hätte den gleichen Effekt erzielt.



Auch optisch macht der Film nicht viel her sondern setzt wie die Serie auf sehr reduzierte Animationen, einfach gehaltene Figuren und Hintergründe. Zudem fehlt es ein wenig an den so beliebten Anachronismen, aus der die Serie einen Großteil ihres Reizes bezogen hat – was nicht zuletzt daran liegt, das der Film stärker auf die jüngsten Zuschauer zugeschnitten ist. Die leicht chauvinistische und im Kern erzkonservative Aussage hat sich aber in den Film „gerettet“ - was aber schon aufgrund der gleichen Personenkonstellation und der daraus resultierenden Rollenverteilung unvermeidlich war. Die so fantasievoll wie detailreich erdachte Welt Bedrock kommt hier ein wenig zu kurz und macht Platz für eine groß angelegte Bondparodie. Alle Gags außerhalb dieses Kontextes werden vernachlässigt und in den Hintergrund gedrängt, was in Verbindung mit den nervtötenden Musikeinlagen auf Dauer einfach zu monoton ist. Letztere sind aber der eigentliche Grund, warum „The Man called Flintstone“ nicht funktionieren will – zu uninspiriert, einfallslos und kindisch sind die betreffenden Sequenzen geraten.

Fazit: Die Flintstones gehören nicht ins Kino. Jedenfalls nicht so. Kurioserweise zeigte erst die Realverfilmung mit John Goodman wie der Hase läuft...

04/10

Hier gibt es den gesamten Film in zehn Teilen zu sehen.

Filmtagebuch: Dirty Harry 5, Sleepless, Mall Cop, Onkel Toms Hütte


Das Todesspiel (1988)
Im fünften Teil um Dirty Harry ist selbiger auch in seinem fiktiven Universum zur Ikone, zur lebenden Legende geworden. Selbstverständlich angeekelt vom Rummel um seine Person ist aus Harry Calahan eine Persönlichkeit geworden, die durch ihren beruflichen Erfolg in Verbindung mit hinlänglich bekannter harter Vorgehensweise zum Helden stilisiert werden soll. Autogramme schreiben, Interviews geben und sogar um ein Fernsehspecial ihm zu Ehren gebeten werden – so sieht Harrys Alltag nun aus, neben der kompromisslosen Verbrecherjagd selbstverständlich. Im „Todesspiel“ ist die Hauptfigur mehr denn je ein Mann ohne Privatleben, der scheinbar nur für seinen Job existiert, beim bloßen Gedanken an schnöde Schreibtischarbeit erbost reagiert. Doch Calahan ist alt geworden, die Luft ist raus aus der Filmserie, die hier wieder nur einen dürftigen Plot verfolgt, der lediglich altbackene Handlungsmuster wieder aufwärmt, angereichert mit einer überdeutlich vorgetragenen Medienschelte. Schon die Entwicklung von der karrieregeilen Reporterin zur seriösen Berichterstatterin spricht Bände, auch der mitunter sarkastisch-selbstironische Blick auf die Filmindustrie kann durchaus auf Eastwoods eigene Karriere umgemünzt werden.(4,5/10)


Sleepless (2001)
Argentos Versuch einer Wiederbelebung des klassischen Giallos, dessen Entwicklung er maßgeblich beeinflusste, erweist sich als zwiespältiges Unterfangen. In seinen besten Momenten hoch atmosphärisch, lebt der Film in erster Linie vom treibenden, pumpenden Score von The Goblin, der für eine elektrisierende Stimmung sorgt und in Verbindung mit der dynamischen Kameraarbeit streckenweise enorme Spannungsentwicklung aus dem schlaffen Plot heraus kitzelt. Die Geschichte selbst rutscht aber des öfteren in unfreiwillige Komik herab, was in einer haarsträubenden Auflösung kulminiert, die perfekt zu den trashig umgesetzten Spezialeffekten passt. Verständlich, dass Max von Sydow hier eher zurückhaltend agiert und nicht selten einen äußerst gelangweilten Eindruck macht. Für Fans von Argento aber sicherlich einen Blick wert, vereint „Sleepless“ doch deutlich sowohl inhaltliche als auch ästhetische Motive des Regisseurs, der hier einmal mehr zwei seiner eklatanten Schwächen zeigt: Ein dürftiges, wenig ausgefeiltes Drehbuch und ein damit einher gehendes Desinteresse an den oberflächlich gezeichneten Figuren. Aufgrund dieser Defizite können auch die zahlreich eingeflochtenen Subtexte nicht glaubwürdig ausformuliert werden...(05/10)


Der Kaufhaus-Cop (2009)
Genau die erwartete, immer gleiche Standard-Komödie vom Fließband. Wie das Ganze ausgeht steht nach der Einführung der Hauptfiguren gleich fest und der Film gibt sich eifrig Mühe, jede Figur so eindimensional wie nur irgend möglich zu gestalten. Bei jeder Gelegenheit bestätigt das Drehbuch, das der glatte arrogante Mistkerl, der sich fortwährend über fette Mitmenschen lustig macht, wirklich ein Arschloch ist und das das scheue, natürlich bildhübsche Rehlein von weiblicher Hauptfigur besser mit dem kugelrunden aber sanftmütigen Paul bedient ist. Das dieser Paul von Kevin James gespielt wird, rettet dann vor einem Totalausfall – seine Präsenz wirkt einfach für sich. Nicht zuletzt aufgrund des voluminösen Körperumfangs, der den „King of Queens“-Star auszeichnet, gerät das Schlussdrittel immerhin zu einer leidlich amüsanten „Die Hard“-Parodie mit netter Luftschacht-Action. Die sülzige Moral trägt unverkennbar die Handschrift Adam Sandlers, der mit seiner eigenen Produktionsfirma 'Happy Madison' hinter dem Projekt steht...(2,5/10)


Onkel Toms Hütte (1965)
Werkgetreue, wenn auch wenig akkurat ausgestattete Adaption des gleichnamigen Romanklassikers. Ebenso wie die literarische Vorlage neigt der Film zu übertriebener Sentimentalität und rührseligen biblischen Gleichnissen. Dramaturgisch sinnvoll gestrafft, enthält der Plot sämtliche Eckpunkte der Geschichte und erzählt diese relativ ausladend, allerdings ohne aufwendige Bildkompositionen. Darstellerisch beeindruckt vor allem Herbert Lom als machtgieriger Großgrundbesitzer, dessen Figur die am reizvollsten gestaltete ist. Der von unerfüllter sexueller Bestätigung zerfressene Charakter ist vielschichtig angelegt und lädt ein zu einem psychosexuellen Diskurs über die Machtverhältnisse, die rein kapitalistischen Gegebenheiten zugrunde liegen. Andererseits enttäuscht der Film durch ästhetische Unzulänglichkeiten wie einfallslose Kostüme und uninspirierte Kameraarbeit... (05/10)

Montag, 3. August 2009

VIP - Mein Bruder der Supermann (1969)



Plot: Die VIPs gehören einem Superhelden-Geschlecht an, das seit Anbeginn der Zeit die schwächeren Lebewesen der Erde beschützt. Bisher heirateten die Supermenschen nur untereinander, doch durch eine Verwechslung verliebte sich Schnurrbart-VIP in eine gewöhnliche Kassiererin. Aus dieser ersten gemischt-rassigen Ehe zwischen Menschen und VIPs gingen zwei Söhne hervor, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: während Super-VIP mit gigantischer Körperkraft, Unverwundbarkeit sowie der Fähigkeit zu fliegen ausgestattet ist, hat der kleine Mini-VIP keine besonderen Talente. Neben seinem Bruder Super-VIP, Frauenschwarm und gefeierter Kämpfer gegen das Verbrechen, bleibt keine Beachtung übrig für Mini-VIP, der unter seinen mangelnden Fähigkeiten zunehmend leidet.

Nach einem Besuch beim Psychologen beschließt Mini-VIP eine Reise anzutreten um sich vom Stress zu erholen und seine Minderwertigkeitskomplexe abzubauen. Doch auf der Schiffsreise kommt es anders als gedacht: Gemeinsam mit einer als Löwe verkleideten Frau gerät Mini-VIP über Bord und strandet auf einer seltsamen Insel. Hier regiert die diktatorische Happy Betty, Besitzerin einer riesigen, weltweiten Supermarktkette – diese schmiedet gerade unheilvolle Pläne. Mit einem verrückten Wissenschaftler, militärischer Unterstützung, unzähligen Arbeitersklaven und der finanziellen Hilfe dubioser Geschäftsmänner plant Happy Betty eine gewaltige Massen-Gehirnwäsche zur ultimativen Profitsteigerung...




Nur wenige Jahre nach seinem ersten Langfilm „West and Soda“ (der zum kleinen Überraschungserfolg avancierte und auch internationale Beachtung fand) gelang Bruno Bozzetto mit „VIP“ ein dramaturgisch noch geschlosseneres und damit erzählerisch dichteres Werk als seine bereits überaus gelungene Italo-Western-Parodie. Bozzetto, der für seinen minimalistischen grafischen Stil bekannt und in Italien ein absoluter Star-Zeichner ist, wird nicht zuletzt geschätzt für einen unverwechselbar galligen satirischen Humor, nicht selten garniert mit bissiger Gesellschaftskritik und scharfen Spitzen gegen Politik, Medien und allgemeine menschliche Schwächen. Das der Regisseur, Drehbuchautor und Zeichner bei all dem Spott kein verbitterter Zyniker ist, zeigen seine liebevoll gezeichneten Helden, meist Außenseiter und Träumer die es nicht leicht im Leben haben – wie seine berühmteste Figur Herr Rossi oder eben auch sein Protagonist in „VIP“, das gedrungene Männlein Mini-VIP, der schwächste Mann der Welt.

Schon die Physiognomie zeugt von vorhandenem Selbstbewusstsein: Mit verschüchtertem Blick fühlt sich der gedrungene, unförmige kleine Mann unwohl in einer feindlichen Welt, während ihm in Form seines Bruders ein männliches Idealbild an die Seite gestellt wird. Super-VIP ist eine leicht erkenntliche Parodie auf Superman und alle Helden ähnlichen Strickmusters, bekommt aber durch die ihm inne wohnende Arroganz und an Dümmlichkeit grenzende Naivität eine ganz eigene satirische Note, die es nicht bei einer bloßen Verballhornung belässt. Vielmehr deckt Bozzetto anhand des selbstherrlichen aber dennoch gutherzigen Super-VIP das Problem jener strahlender Helden ohne Angriffspunkte auf: Jede Identifikation geht verloren und der immer überlegene Held wird einfach langweilig. Dementsprechend schenkt der Film seine Aufmerksamkeit eher dem benachteiligten Mini-VIP – Bozzetto bleibt den Outsidern treu.



Obgleich „VIP“ auch für Kinder bedingt geeignet ist, scheint Bozzetto keinesfalls daran interessiert zu sein, einen sauberen Familienfilm abzuliefern. Dafür spricht schon die schmutzig anmutende Ästhetik bar jeglicher Verniedlichung, die sich mit erdigen, matten Farben und skurriler Figurenzeichnung weitab von bekannten Disney-Standards bewegt und aufgrund des kleineren Budgets auch technisch nicht in dieser Liga spielen kann. Bozzetto schert sich aber einen Dreck um eine Annäherung an eventuelle amerikanische Vorbilder und zelebriert gerade seine so typischen, völlig simplifizierten Hintergründe, die dennoch ihren Effekt nicht verfehlen. Mitunter sind die Bewegungsabläufe etwas steif geraten, was aber durch Bozzettos ungezügelte Liebe zum schrägen Detail ausgeglichen wird. In zurückhaltendem Maß bedient er sich in „VIP“ auch anzüglicher und sogar leicht gewalttätiger Anspielungen (z.B. wird der Kampf zwischen einem kraftmeiernden Oberst und Mini-VIP nicht gerade zimperlich ausgetragen) und disqualifiziert sich somit als „pädagogisch wertvoll“ - was natürlich als zusätzlicher Sympathie-Punkt zu werten ist.



Auch wenn Bozzetto oberflächlich wieder eine Genre-Parodie inszeniert, ist er hier doch weniger daran interessiert Filmklischees und ikonische Bilder zu demontieren – vielleicht auch, weil der Superhelden-Stoff eher Sache der Amerikaner ist und es sich keineswegs um eine so genuine Thematik handelt wie es noch beim Italo-Western der Fall war. Die meisten offensichtlichen filmischen Referenzen entstammen dabei nicht, wie es Titel und Geschichte vielleicht vermuten lassen, aus klassischem Superhelden-Pulp sondern eher aus der Edel-Trivialreihe „James Bond“ - irgendwo ja auch ein Superheld. Nach einem eher handelsüblichen Beginn kommt die Handlung schon nach knapp 20 Minuten auf die oben erwähnte Insel, wo der gesamte restliche Film spielt. Hier verlässt Bozzetto endgültig die schnöde Superhelden-Parodie (zu der ihm nichtsdestotrotz einige köstliche Scherze einfallen) und unterfüttert seinen zweiten Langfilm mit schriller Konsumkritik, die mit bizarren Allegorien und einigen verstörend psychedelischen Einlagen die jüngsten Zuschauer komplett aus den Augen verliert. Nicht zuletzt diese unangepasste, grobschlächtige Art verleiht „VIP“ aber einen kaum zu leugnenden Charme. Fast jeder andere Regisseur hätte aus der Grundkonstellation und den sich zum Ende zuspitzenden Ereignissen (Super-VIP und die Frauen werden gefangen genommen) eine vorhersehbare Motivations-Story erzählt, in der ein Feigling über sich hinaus wächst und die halbe Welt rettet – Bozzetto pfeift glücklicherweise auch auf solch genormte Wendungen und verrät seine Charaktere nicht, in dem er sie zugunsten einer billigen Moral auflaufen bzw. zu Marionetten verkommen lässt.



Bestechend auch die Fülle intelligenter popkultureller und geschichtlicher Verweise, die bereits beim Charakterdesign beginnen: Der linkische Hornbrillenträger Mini-VIP ist eine eindeutig zu identifizierende Karikatur des Kultfilmers Woody Alle, während einer der wichtigsten Handlanger der fülligen Diktatorin eine ebenso offensichtliche Hitler-Karikatur ist. Letzteres besonders in der Hinsicht interessant, den so oft parodierten Diktator als gewöhnlichen Laufjungen mit Knarre zu degradieren und somit seine unfreiwillig komische Erscheinung in ein noch erbärmlicheres Licht zu rücken. Das ebenfalls oft verwendete Motiv des entführten Wissenschaftlers, der zu niederträchtigen Plänen hinzu gezogen wird, spielt Bozzetto hier durch und deutet auch hier wieder in Richtung Nazi-Unwesen und bringt sogar das heikle Thema unethischer Operationen und Versuche an Menschen auf den Tisch. Zwischen den manchmal doch arg platt geratenen Zoten findet der Film also immer wieder subversive Momente und einen zwischenzeitlich wirklich bösen Sinn für Humor.



Happy Betty verkörpert den Großkapitalismus in all seiner dekadenten Perversität – mit Hilfe undurchsichtiger Geschäftsmänner in eleganten Anzügen und versteckt hinter dunklen Sonnenbrillen und des entführten Wissenschaftlers aus Deutschland plant Betty, einer riesigen Menge von Menschen eine Sonde zu implantieren. Diese hat hypnotische Wirkung und soll sicher stellen, das die Menschen zu willenlosen Konsum-Zombies werden, die nur noch in den tausenden Supermärkten von Betty einkaufen gehen. In diesem Rahmen könnte man die einlullenden Strategien großer Konzerne und deren Kartell-Bildung inklusive korrupter bis mafiöser Strukturen kaum anprangern. Die Arbeiter werden ähnlich wie Klone dargestellt, von einer Maschine ausgespuckt und nur am Leben, um zu arbeiten, durch ihre Austauschbarkeit gesichtslos gehalten und nur auf ihre Funktion als Rädchen im System degradiert..



Diese Arbeiter, allesamt gleich aussehende kleine Asiaten mit penetrantem Grinsen im Gesicht, sind es auch, die sich im Laufrad abrackern müssen um die Geheimwaffe auf die Welt los zu lassen. Als gesellschaftskritische Parabel verhandelt „VIP“ also schwergewichtige Themen wie die Ausbeutung von Menschen als Arbeitssklaven, ausschließlich auf die Steigerung des Profits ausgelegte Wirtschaftsethik und blinden Gehorsam innerhalb eines unmenschlichen Systems. Bozzetto geht sogar noch einen Schritt weiter und führt die Parallelen zwischen faschistischer Herrenmenschen-Ideologie und dem gnadenlosen Räderwerk des Kapitalismus vor. Am Fließband gibt es in einer Szene einen Unfall, an dem einer der kleinen Asiaten offensichtlich stirbt und augenblicklich maschinell ersetzt wird – ein Roboter schiebt bereits den nächsten grinsenden Sklaven an die freie Stelle. „VIP“ strotzt ebenso vor visuellem Ideenreichtum (einfach köstlich, wenn beispielsweise Super-VIP in einer ratlosen Situation einen kleinen Stein auf seinem gewaltigen Bizeps auf und ab springen lässt) als auch vor intelligenten gesellschaftskritischen Zerrbildern. Ein vergessener Schatz der europäischen Zeichentrickgeschichte, der seinen Reiz allerdings nur entfaltet, wenn man sich mit der gewöhnungsbedürftigen Ästhetik anfreunden kann...

08/10

Hier die Eingangssequenz, in englischer Synchronisation:

Montag, 27. Juli 2009

Gay Purr-ee (1962)



Plot: Frankreich in den 1890ern: Der Kater Jaune-Tom lebt zufrieden in der Provence, er jagt Mäuse mit seinem besten Freund Robespierre und ist glücklich verliebt in die hübsche Katzendame Mewsette. Doch diese ist nicht zufrieden mit dem beschaulichen Landleben und sehnt sich nach der großen Stadt Paris, ihrem glitzernden Nachtleben und ihren romantischen Sehenswürdigkeiten. Als Jaune-Tom ihr eine gefangene Maus zum Geschenk machen will, hat Mewsette genug und schickt den Kater enttäuscht davon. Sie springt auf eine Kutsche nach Paris auf um dort ein neues Leben zu beginnen.

Robespierre, ohnehin eifersüchtig auf Mewsette und angeekelt von der liebevollen Turtelei zwischen ihr und Jaune-Tom, überbringt seinem besten Freund die vermeintlich frohe Botschaft von Mewsettes Abreise. Dieser überlegt nicht lange und folgt seiner Angebeteten nach Paris, begleitet von Robespierre, der seinen Freund nicht alleine ziehen lassen will. Mewsette ist inzwischen an ihrem Ziel angekommen, gerät aber sofort in das Netz einer kriminellen Katzenschieber-Organisation, deren Kopf die beleibte Katze Madame Rubens-Chatte ist. In ihrem Auftrag ist der verschlagene Kater Meowrice unterwegs, um naive Neuankömmlinge wie Mewsette zu täuschen und zu verkaufen...



„Gay Purr-ee“ nimmt in der Geschichte des Animationsfilms gleich in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein: Zunächst einmal handelt es sich um einen der wenigen amerikanischen Genrefilme seiner Zeit (wenn nicht gar der erste überhaupt), die sich in keinster Weise am Disney-Stil („Imitation of Life“) orientieren und im Charakterdesign auf vollendete Cartoon-Künstlichkeit setzen. Die fast schon karikaturesk anmutenden Figuren haben nicht viel zu tun mit den physikalischen Gesetzen, da kommt es schon einmal vor, das Jaune-Tom wie eine Rakete durch die Luft fliegt und schwere Holzkisten auf den Schädel bekommt ohne Schaden davon zu tragen, oder sich Madame Rubens-Chatte verstohlen direkt ans Publikum wendet und in die Kamera spricht. Diese cartoonesken Figuren agieren nur selten vor traditionell gezeichneten Hintergründen sondern werden ästhetisch ganz in die Handlungszeit versetzt, was zu einer selten gesehenen ästhetischen Heterogenität führt, die aber trotz ihrer Gegensätzlichkeiten funktioniert. Überwiegend sind die Hintergründe im Stil von impressionistischen Ölgemälden gehalten, wobei auf diverse Künstler, die direkt in Paris lebten oder auf andere Weise in ihrer Arbeit von der Stadt beeinflusst wurden, und deren markante Stilmittel bzw. Techniken verwiesen wird.

So bewegen sich die agil animierten Katzen durch fast vollständig starre und bewegungslose Stillleben, exakt nachempfunden den Gemälden von Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Cézanne und diversen anderen zeitgenössischen Malern. Auf diese überdeutlich in Szene gesetzten Referenzen weist der Film sogar selbst in einer kurzen Sequenz hin, die wie ein Fremdkörper in der Handlung wirkt und die im 1890er-Paris aktiven und populären Künstler würdigt, in dem sie namentlich aufgezählt werden und explizit die Verarbeitung ihrer Erkennungsmerkmale in den Bildern des Films heraus gestellt wird. Wenn auch etwas ungeschickt platziert, ist dieser kurze Ausflug in die Kunstgeschichte hilfreich für Laien und vor allem auch für die jüngsten Zuschauer. Zwar erkennt auch ein Laie wie ich leicht die mannigfaltigen Anspielungen auf die hinlänglich bekannten Künstler, viele andere wären mir aber ohne diesen kurzen Unterricht verborgen geblieben.



Die Ähnlichkeit zum klassischen Cartoon, die bis in die 1960er als Vorfilme einen festen Platz im Kinoprogramm hatten, ist kein Zufall: Hinter dem Projekt steht als Drehbuchautor und ungenannter Mitproduzent die Animationslegende Chuck Jones – Oscar-Preisträger und Regisseur von rund 300 Cartoons, von denen einige zu den Meilensteinen ihrer Gattung gezählt werden. Als Regisseur fungierte indessen Abe Levitow, der wohl beste und wichtigste Animator, der für Chuck Jones arbeitete. Die Handschrift des eingespielten Teams ist unverkennbar und drückt sich nicht nur in der kecken Figurenzeichnung aus sondern auch in den aberwitzigen Slapstick-Szenen, die in der romantischen Story natürlich in den Hintergrund treten. Typisch für den amerikanischen Zeichentrickfilm scheint aber die Nutzung des Musicals als äußere Form, um mittels beschwingter Gesangseinlagen die Handlung auf Spielfilmlänge zu dehnen. In „Gay Purr-ee“ wird das Setting und die Form allerdings untrennbar mit dem romantischen Inhalt vermengt, sodass die stimmigen Lieder nicht bloße Staffage bleiben sondern einen fundamentalen Beitrag zur Gesamtkonzeption leisten.



Auch für ein stimmliches Cameo des legendären Synchronsprechers Mel Blanc (Sprecher von nahezu allen wichtigen Warner-Figuren) , der als Bulldogge auftritt und für einige weitere, nicht näher genannte, Geräusche und Einzelsätze verantwortlich war. Selbst sein Faible für Wortspiele in Namen, Ortsangaben und den Filmtiteln selbst konnte Chuck Jones beibehalten: Wie ein großer Teil seiner Cartoons (unter anderem alle Filme um den Road Runner) wimmelt auch dieser Langfilm von Wortspielen, die schon im Titel beginnen - „Purr-ee“ ist eine Verballhornung der französischen Aussprache von „Paris“, ausgesprochen in Anlehnung an das Schnurren einer Katze. Mit großer Freude am Detail setzt sich dieser Trend durch den ganzen Film fort, von den Namen der Protagonisten bis hin zu Orten wie dem „Mewlon Rouge“ - letzteres unterstützt darüber hinaus auch die absurde Parallelwelt der vermenschlichten Tiere.

Dementsprechend routiniert und schnörkellos ist der Film inszeniert, stets getragen von einem beschwingten Ton, der immer wieder Platz macht für schwelgerische Gesangseinlagen. Wie in jedem guten Musical beginnt der Gesang dort, wo gesprochene Wörter nur noch kitschig wirken können und vermittelt die jeweiligen Stimmungslagen adäquat in den eingängigen Songs. Wenn die Handlung auch arg dünn erscheint und mit einem unfreiwilligen Alaska-Ausflug von Jaune-Tom und Robespierre recht bizarr ausgeschmückt wird, entwickelt der Film immer wieder neues Tempo, ohne dabei allzu viele redundante Sequenzen einzubauen. Zum einnehmenden Charme trägt auch das versierte Voice Acting bei, unter anderem mit den Stimmen der Superstars Judy Garland und Robert Goulet.

So simpel und schnörkellos die Geschichte auch erzählt wird, Abe Levitow biedert sich nicht mit einer rührseligen Moral an. Wenngleich Mewsette sich nach den Verlockungen der Stadt sehnt und ihr idyllisches Landleben gründlich satt hat und sie in Paris schnell mit den Schattenseiten ihres Traumes konfrontiert wird, wird zum Schluss nicht ihr vermeintlich falscher Freiheitswillen an den Pranger gestellt und letztlich erstrahlt Paris in schönstem Glanz.



„Gay Purr-ee“ ist ein vergessener Film, dessen Wiederentdeckung in höchstem Maße unwahrscheinlich ist. Schließlich kann man kaum von einem Meilenstein oder Meisterwerk reden, trotz der formellen Originalität und des brillanten Voice-Actings. Innerhalb der Zeichentrickgeschichte ist er relativ einzigartig geblieben – nur selten setzte beispielsweise Disney auf eine cartooneske Stilisierung (Ausnahmen bilden „101 Dalmatiner“ und der viel später entstandene „Königreich für ein Lama“) und außerhalb der kurzen Cartoons hatte kaum ein Zeichentrickfilm vor Ralph Bakshi so viel Mut zur abstrakten Darstellung - erst recht nicht im Bereich der familiengerechten Produktionen.

Auch das Setting im Paris der künstlerisch aufregenden 1890er-Jahre wurde selten so konsequent genutzt, am ehesten vielleicht im Micky Maus Cartoon „The Nifty Nineties“ aus dem Jahr 1941. Während Chuck Jones und Levitow in den Cartoons um das kultige Stinktier Pepe das Klischee des französischen Romantikers noch auf sehr süffisante Art aufgriffen, erliegt „Gay Purr-ee“ gänzlich dem Charme der Stadt der Liebe – so wird das friedvolle Happy End abgeschlossen mit einem Bild des Eiffelturms, inklusive wehender französischer Flagge.

7,5/10

Hier die von mir erwähnte Sequenz, in der ausführlich die künstlerischen Vorbilder veranschaulicht werden:

Review-Reihe: Kino-Zeichentrickfilme der 60er, die NICHT von Disney stammen


Hiermit möchte ich vier Reviews ankündigen zu Filmen, die in Deutschland einen extrem geringen Bekanntheitsgrad haben, was in mancherlei Hinsicht seltsam ist. Immerhin stecken hinter allen vier Filmen bekannte Größen des Animationsfilms.


1. Gay Purr-ee

Sehr abstraktes, dennoch familientaugliches Musical, an dessen Umsetzung Zeichentricklegende Chuck Jones maßgeblich beteiligt war.



2. West and Soda
3. VIP



Beide Filme stammen von Bruno Bozzetto, der damit eine außerordentliche Leistung für sich verbuchen kann: Innerhalb von nur fünf Jahren konnte er damit gleich zwei lage Zeichentrickfilme aus dem Boden stemmen (neben seinen Kurzfilmen) und das zu einer Zeit, in der es kaum einschlägige Produktionen mit Spielfilmlänge gab. Beide Filme sind absolut typisch für Bozzetto, hierzulande am besten bekannt für seine Kult-Figur Herr Rossi und seinen dritten Langfilm "Allegro non Troppo" von 1976.



4. The Man Called Flintstone

Gleich vorweg: Der einzig schlechte Film der Reihe und unwürdig als Abschluss der großartigen Serie, die bekanntlich Maßstäbe gesetzt hat. Und das, obwohl das legendäre Duo Hanna & Barbera höchstpersönlich die Produktion leitete und auch Regie führte.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Das Wunder von Bern (2003)

In meiner losen Reihe zum Neuen Deutschen Kino:



Der legendäre WM-Sieg von 1954 eignet sich geradezu perfekt für ein emotionsgeladenes Nationalepos: Eine Underdog-Geschichte, die einen magischen Moment in der deutschen Nachkriegsgeschichte darstellt und vor dessen Hintergrund es sich beinahe aufdrängt, die Befindlichkeiten des deutschen Volkes abzubilden, schließlich bedeutete der Sieg für die vom Krieg zerrüttete Generation erstmals wieder so etwas wie Nationalbewusstsein und auch so etwas wie Stolz auf die Heimat – beim Fußball immerhin eine ganz selbstverständlich akzeptierte Einstellung. Sönke Wortmann hat diesen Stoff (der für ihn angeblich die Erfüllung eines persönlichen Traums bedeutet) mit entsprechenden Ambitionen umgesetzt und versucht sowohl den Generationskonflikt zu illustrieren, die bekannten Mythen ein wenig zu erklären und gleichzeitig ein glaubwürdiges Gesellschaftsporträt zu inszenieren. Dabei scheitert er schon an einer simplen Tatsache: „Das Wunder von Bern“ ist wie kaum ein anderer Film vollkommen am eigentlichen Gegenstand vorbei inszeniert, das es schon fast an Dreistigkeit grenzt. Da wird einem jedes Spiel bis zum Finale vorenthalten, auch wenn man den Spielern bis in die Umkleidekabine folgt. Wenn diese Aussparung jeglicher Sport-Szenen (im gesamten Film gibt es nur wenige Minuten schlecht choreographierten Fußball zu sehen) Spannung aufbauen sollte, dann ist dieses Unternehmen gründlich in die Hose gegangen.

Beispielsweise zeigt uns der Film den WM-Held Helmut Rahn bei der Abfahrt, beim illegalen Kneipenbesuch, beim Frust-Abbau weil er nicht aufgestellt wird. Seine ersten Erfolgserlebnisse, Einsatz und Torerfolg, wird dem Zuschauer ebenso vorenthalten wie jeder andere Blick auf das eigentliche Geschehen, die Weltmeisterschaft. Das am Ende auf erbärmliche Weise die Computer-Unterstützung jeden Anflug von Kino-Zauber zerstört, deklassiert Wortmanns Machwerk als bestenfalls überdurchschnittlichen Fernsehfilm, aufgeblasen für die große Leinwand, kann deren Anforderungen aber kaum gerecht werden. Das Sönke Wortmann, dessen beste Filme („St. Pauli Nacht“, „Kleine Haie“) tragikomischer Natur und eher „klein“ sind, kein Bilderstürmer ist, war abzusehen – das ihm aber jeglicher Sinn für die Magie des Augenblicks zu fehlen scheint, ist in fataler Weise verblüffend und so ähnelt der an allen Fronten scheiternde Film dem sprichwörtlichen Autounfall. Obwohl den Bildern jegliche Größe fehlt, müssen Zugeständnisse an die hervorragende Ausstattung gemacht werden, die sich wirklich sehen lassen kann und in keinem Vergleich steht zur extrem schwachen Tricktechnik. Darstellerisch solide, kann vor allem Newcomer Sascha Göpel als Helmut Rahn überzeugen, dessen Charakterzeichnung nichtsdestotrotz jegliche Schärfe fehlt. Dieses Los teilt er allerdings mit jeder anderen Figur, die entweder zur bloßen Staffage ohne jegliche dramaturgische Funktion verkommen (wie der trotzdem tolle Lukas Gregorowicz als Reporter) oder aber oberflächlich gezeichnete Klischeebilder verkörpern (Mirko Lang als älterer Sohn und überzeugter Kommunist).

Überhaupt mutet sich Wortmann nach einem stimmungsvollen Beginn zu viel zu: Er versucht dem Generationskonflikt, der schwierigen und hier übertrieben schwülstigen Heimkehrer-Thematik, einer dazugehörigen Vater-Sohn-Schmonzette und natürlich dem WM-Geschehen gerecht zu werden, vergisst aber dabei vor allem letzteres. Hätte der Film ganz die Perspektive des Zuschauers gewählt, der das Event nur aus der Ferne am Radio und Fernseher verfolgen kann, eingenommen, so wäre mehr Platz für die Einzelschicksale gewesen und hätte auch die Vorenthaltung jeglicher Szenen der WM gerechtfertigt. Nur in wenigen Szenen schafft es Wortmann, diese Stimmung zu vermitteln, wenn etwa leer gefegte Straßen gezeigt werden, wenn es wirklich zur Sache geht. Doch warum führt Wortmann Persönlichkeiten wie Helmuth Rahn und Sepp Herberger ein, wenn er an ihrer Entwicklung offensichtlich nicht interessiert ist? Die legendären Floskeln von Herberger werden hier schelmisch vorgeführt und als kalkulierte Sprichwörter in Szene gesetzt, was angesichts der oberflächlichen Erzählung nur noch unfreiwillig komisch wirkt.

Ein Sport-Epos ohne Sport also, das sich obendrein als rührseliger Familienfilm versteht und das Kriegsversehrten-Trauma ungeheuer kitschig in Wohlgefallen auflöst. Wohl auch aufgrund der dürftigen Psychologisierung kann Peter Lohmeyer in der schwierigsten Rolle kaum überzeugen. Auch dem neu erwachten Patriotismus wird keine Aufmerksamkeit geschenkt und hier vergibt der Film seine letzte Chance, zumindest auf politischer Ebene zu überzeugen und die gezeigten Problematiken in moderne Fragen umzuformulieren. All diese frappierenden Unzulänglichkeiten, die für einen enorm lieblosen Anstrich sorgen, können auch nicht durch historisch akkurate Details vergessen gemacht werden.

03/10

Montag, 6. Juli 2009

Happy Birthday

Haufenweise symapthische Leute feiern heute ihren Geburtstag. Grund genug für eine neue Kategorie...




Was soll ich zum schönsten Kuriosum aus dem Weißen Haus seit Richard Nixon sagen? Danke für alles...


Am gleichen Tag Geburtstag wie der ehemalige Mr. President. Da bietet sich eine gemeinsame Party der beiden Weltverbesserer und Friedens-Stifter doch geradezu an...


50 Cent wie man ihn kennt und liebt: Unverstellt, authentisch und nachdenklich. Und ein gigantischer Schauspieler ist das Multitalent obendrein - aber wem erzähl ich das eigentlich?


Last but not least: John Rambo. Möge er auch noch im Rentenalter fähig sein, ganze Armeen im Alleingang in Fetzen zu schießen. Ein großer Mann, der schon längst seinen Beitrag zum Weltkulturerbe geleistet hat und auch im Alter noch blendend aussieht...

TV Tipps 06.07. - 10.07.09



Mo, 06.07.

20:15 – 22:05 Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett (Super RTL)

Nette Disney-Produktion, die tricktechnisch versiert Realfilm- und Zeichentrick-Sequenzen verbindet, allerdings unter der drögen Rahmenhandlung leidet. Das Fußballspiel ist aber zu Recht legendär...

22:45 – 00:45 Auf der Flucht (WDR)

Packender Reißer, den aber eh jeder gesehen hat. Ist trotzdem heute noch sehenswert und hat nur wenig Staub angesetzt...

Di, 07.07.

20:15 – 23:10 Superman – The Movie (Tele 5)

Die erste echte Comicverfilmung, von deren Klasse immer noch jede Genreproduktion zehrt. Richard Donner hat hier ganz einfach Maßstäbe gesetzt. Mehr hier..

Mi, 08.07.

20:15 – 22:10 Knockin' on Heaven's Door (Kabel Eins)

Temporeiche Road-Movie-Komödie, die sich ehrfurchtsvoll vor ihren Vorbildern verneigt und durch Wortwitz und skurrile Figurenzeichnung äußerst gut unterhält.

00:10 – 01:35 Lonesome Jim (Arte)

Stilsicher inszenierter Independent-Film von Steve Buscemi mit einem hervorragenden Casey Affleck in der Hauptrolle. Tipp der Woche, da den erfahrungsgemäß nur wenig Leute kennen...

Do, 09.07.

20:15 – 22:05 American Pie 3 (Vox)

Furchtbarer dritter Teil der erfolgreichen Reihe, in dem viel zu früh Heirat und Sesshaftigkeit thematisiert werden. Nicht nur damit ist er der konservativste der „Trilogie“ (hüstel), auch wenn der übermäßig eingesetzte Fäkalhumor einen anderen Eindruck macht. Aber ich bin befangen, mochte den ersten Teil sehr und hätte mir auch noch weitere Abenteuer mit den Idioten gegeben...

23:50 – 01:30 Shaft (HR)

Der Mainstream-Film unter den Blaxploitern, streng genommen ist er gar keiner. Trotzdem sehr nett, mit groovendem Score und einem charismatischem Richard Roundtree in seiner Paraderolle...

Fr, 10.07.

14:30 – 15:45 Aljosche – Der ruhmreiche Recke (MDR)

Erster und bisher einziger Langfilm von Konstantin Bronzit. Habe alle seiner Kurzfilme gesehen (Reviews folgen) und bin daher schon ganz heiß auf „Aljoscha“, auch wenn es sich um eine Auftragsarbeit handelt. Dennoch klingt die Geschichte, die auf einem russischen Volksmärchen basiert, sehr originär und damit spannend...

20:15 – 21:45 Die Hexe und der Zauberer (Super RTL)

Abseits der handelsüblichen Märchen-Dramaturgie, die in den Disney-Filmen bereits ausreichend ausgespielt wurde, entwickelt Wolfgang Reithermann einen ganz neuen, beschwingten Stil, der den Disney-Filmen ein ganz anderes Gesicht verleiht, die eigene Herkunft aber auch achtet. Trotz der episodischen Struktur verfügt das Werk über eine bemerkenswerte erzählerische Geschlossenheit...

Sonntag, 5. Juli 2009

Filmtagebuch: Krabat & Krabat

Ottfried Preußlers berühmtes Jugendbuch, vielfach ausgezeichnet und schon lange Schulliteratur-Standard, bekam bisher zwei Spielfilm-Adaptionen spendiert, die unterschiedlicher kaum sein könnten. So ist die tschechische Version des Stoffes bereits 1977 als Animationsfilm unter der Regie des erfahrenen Karel Zeman entstanden, 2008 folgte dann die teuer produzierte Verfilmung von Marco Kreuzpaintner. Da mir die Vorlage gänzlich unbekannt ist, kann ich keine weiteren Vergleiche ziehen, Zemans Adaption orientiert sich allerdings stärker auf die ursprüngliche Volkssage und reduziert die Dramaturgie des Buches auf ein Minimum, während „Krabat“ von Kreuzpaintner so etwas wie eine definitive Umsetzung sein will. Beide Filme tragen den gleichen Titel, driften qualitativ aber ebenso weit auseinander wie erzählerisch. Vor ein paar Wochen habe ich ein Double Feature gewagt, hier dazu ein paar Wörter.



Krabat (1977)
Karel Zeman erweist sich als der beste Mann für ein Projekt dieser Art, als führender Animationsfilmer seines Landes blickte er bereits während der beinahe vierjährigen Dreharbeiten auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück, arbeitete mit allen erdenklichen Unterkategorien und Stilmitteln des Genres. Sowohl mit Collage- als auch mit traditioneller Animationskunst hatte er Erfahrung, weiterhin mit der Verbindung von Zeichentrick- und Realfilmsequenzen sowie im Bereich des Puppentrickfilms. Gerade letzteres beeinflusst „Krabat“ deutlich, die bewusst staksigen und abgehakten Bewegungsabläufe und die kantige Beschaffenheit der Landschaften und Innenräume erinnern an Marionetten- oder Scherenschnitt-Verfahren. Die Handlung mitsamt der komplexen Personenanzahl wird auf ihr Grundgerüst entkleidet, echte Charaktervertiefung strebt der Film nicht an. Vielmehr widmet er sich detailverliebt und mit expressiver Bildsprache der Beschwörung einer dunklen Atmosphäre, was ausgezeichnet gelingt. Dazu trägt auch der befremdliche, unbequeme Score bei, sodass der Film für die jüngsten Zuschauer nicht geeignet ist. Wie für einen tschechischen Animationsfilm fast schon üblich, ist „Krabat“ geradezu vollgestopft mit systemkritischen Allegorien und intelligenten Sinnbildern, die dem Gesamtwerk eine nicht zu unterschätzende politische Komponente verleihtn in der gedankliche Verführung das bestimmende Motiv ist. In seiner Vielfältigkeit und seinem visuellen Reichtum ist er der Realfilm-Version meilenweit voraus und auch insgesamt der erwachsenere, reifere und besser durchdachte Film. Getragen von einem ernsten Ton, schimmert oftmals auch eine subtile Ironie durch, die vornehmlich durch besonders krude Details entsteht, sich aber nie in den Vordergrund drängt. Neben dem ausdrucksstarken Off-Kommentar gibt es nur wenige gesprochene Wörter, keinen einzigen längeren Dialog – was hier den Charme eines mündlich überlieferten Märchens kreiert, wird in Kreuzpaintners Version zum abgeschmackten, vereinfachenden Stilmittel ohne wirkliche Daseinsberechtigung - denn anders als hier bei Zeman wird dort ständig geredet und geredet und geredet. Auch die Verführungskraft der Magie und deren innewohnende zerstörerische Kraft wird von Zeman weitaus treffender und eindringlicher auf die Leinwand gebracht. Unterm Strich bleibt nur zu sagen, das er die weitaus bessere der beiden Verfilmungen ist und in Deutschland leider immer noch einer angemessenen Veröffentlichung entgegen harrt. Die Synchronisation ist überdies sehr gelungen...
7,5/10



Krabat (2008)
Obwohl Marco Kreuzpaintner bereits beachtliche Erfahrung als Regisseur sammeln und sogar in den USA arbeiten konnte, gelingt ihm anders als Zeman weder ein individueller noch ein spannender oder nur unterhaltsamer Film. Trotz hervorragender Ausstattung, sei es das schöne Set-Design oder die gelungene Kulissenwahl, versagt Kreuzpaintner bei dem Versuch, einen deutschen Blockbuster kreieren zu wollen, der mit aller Gewalt internationalen Standards genügen will. Als besonders peinlich ist hier eine stümperhaft geschnittene, unbeholfene Kampf-Sequenz heraus zu heben – inszenatorische Schnitzer wie diese, eine langatmige Dramaturgie inklusive vieler redundanter Dialoge und die teilweise unausgereiften CGI-Spielereien zerstören jeden Anflug von magischer Anziehungskraft. Die latente Homosexualität der Geschichte nimmt Kreuzpaintner dankbar auf und rückt besonders Robert Stadlober so schwuppig wie möglich ins Bild, aber das nur am Rande. Im Audiokommentar räumt der Regisseur zum Schluss ein, das es sich um eine reine Auftragsarbeit handelt, was man dem Film letztlich auch in jeder Einstellung ansieht. Da ist der wenig glaubwürdige und heillos überforderte Hauptdarsteller David Kross das geringste Problem, da sich dessen Naivität wenigstens halbwegs sinnvoll in seiner Figur niederschlägt, die sich ja auch die meiste Zeit emotionale nicht zurecht findet. Genauso sieht Kross dann auch die meiste Zeit aus. Selbst visuell kommt „Krabat“ 2008 eher wie ein aufwendiger Fernsehfilm als eine Kinoproduktion daher, unmotivierte Nebendarsteller wie Daniel Brühl mit einer selten gelangweilten Mine sprechen die gleiche Sprache. Das hier ein urdeutscher, volkstümlicher Stoff auf die Leinwand gebracht wurde kann nicht darüber hinweg täuschen, das es sich um einen glatt gebügelten Genrefilm handelt, der dem Erfolg von großen Fantasy-Filmen wie „Herr der Ringe“ oder auch „Harry Potter“ hinterher hechelt, dabei aber nur Staub zu schlucken bekommt.
03/10